Von Sermin Faki und Fabian Zürcher

Sie fährt Tesla und ist nie offline: Bundespräsidentin Doris Leuthard über die Zukunft der Schweiz und ihr Leben im digitalen Zeitalter.

Frau Leuthard, wir führen dieses Interview schriftlich. Das ist ziemlich altmodisch – warum nicht per Skype oder Facetime?
Das liegt an meiner sehr vollen Agenda als Bundespräsidentin. Auch ein Interview über Skype oder Facetime würde ja einen gemeinsamen Gesprächstermin erfordern.

«Ein Bügelroboter wäre praktisch.» Bundespräsidentin Doris Leuthard. (Marc Wetli)

Was ist eigentlich diese Digitalisierung?
Früher haben die Leute ihre Zeitung am Bahnhofskiosk gekauft, heute lesen sie sie in einer App auf dem Smartphone oder Tablet. Wir setzen digitale Technologien ein, um physische Produkte durch elektronische Produkte zu ersetzen und Abläufe neu zu gestalten. Sei es beim Bund – etwa um den Bürgern fürs Einholen von Bescheinigungen den Gang zum Amt zu ersparen. Sei es in der Industrie – wo zum Beispiel dreidimen-sionale Drucker die Fertigung von Flugzeugbestandteilen in viel kürzerer Zeit ermöglichen. Oder in der Dienstleistungsbranche – welche nun den Kunden oft rund um die Uhr bedienen kann. Kurz: Die Digitalisierung verändert von Grund auf die Art, wie wir leben, lernen und arbeiten. Deshalb hat der Bundesrat eine Strategie zu dieser Thematik entwickelt und Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung sowie die Politik dazu eingeladen, sich mit Anregungen, Fragen und Projekten in die Diskussionen einzubringen oder auch Sorgen auszudrücken. Risiken und Chancen sollten wir offen ansprechen. Jeder Wandel bringt Gewinner und Verlierer. Da muss man aufeinander zugehen.

Stichwort Chancen: Wie ist die Schweiz für die vierte industrielle Revolution aufgestellt?
Die Schweiz hält seit Jahren eine Top-Position in internationalen Rankings zur Wett- bewerbs- und Innovationskraft. Wir haben exzellente Unternehmen. Mit unseren ETHs und Universitäten spielen wir ebenfalls in der Top-Liga mit. Mit unserem Berufsbildungssystem verfügen wir über ein sehr leistungsfähiges Instrument, um junge Menschen auf die Wirtschaft vorzubereiten und in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Es geht also primär darum, die Möglichkeiten des technischen Fortschritts zu erkennen, Leute zu schulen und weiterzubilden sowie Geschäftsmodelle rechtzeitig zu hinterfragen und neu zu denken. Wir sollten in der Schweiz etwas mutiger und offener für Neues werden, zum Beispiel was die Nutzung von Daten angeht. Die Amerikaner sind hier zupackender und machen so viel Geld, obschon sie beispielsweise weniger gute Telekom-Netze haben. Zudem steht uns der Föderalismus manchmal im Weg. Nicht jede Gemeinde oder jeder Kanton braucht immer eigene IT-Lösungen, auch nicht jedes Amt beim Bund. Wir müssen mehr gemeinsame Plattformen entwickeln.

Wann ist Ihr täglicher erster Kontakt zur digitalen Welt? Wann Ihr letzter?
Morgens um 6 Uhr lese ich die News auf meinem Smartphone – für die vertiefenden Analysen lese ich die Zeitung aber immer noch gerne auf Papier. Wenn abends Zeit bleibt, lasse ich das Handy auch mal beiseite und schaue lieber fern, aber auch das oft zeitversetzt, also nicht linear.

Zukunftsblick: Bundespräsidentin Doris Leuthard mit VR-Brille an der Olma 2017. (Foto: Gian Ehrenzeller)

Digitalisierung heisst auch Robotik. Welche Tätigkeiten würden Sie gern an eine Maschine delegieren?
Die Schweiz mischt bei der Robotik vorne mit – zum Nutzen von uns allen. Es ist zum Beispiel weitaus ungefährlicher und sinnvoller, Minen durch Roboter entschärfen zu lassen. Ein Bügel- oder Abwasch-roboter wäre ebenso praktisch. Im Arbeits- alltag sollte die Diskussion aber nicht auf ein Entweder-oder hinauslaufen. Statt-dessen ist zu fragen, wo und wie uns Roboter in Zukunft am besten unterstützen können, damit wir uns auf das Kreative konzentrieren können sowie auf Tätigkeiten, bei welchen unabhängiges Denken, Menschenverstand und Kontakte zentral sind – zum Beispiel bei der Pflege von kranken und älteren Menschen oder auch in der Bildung.

Sie haben Ihren Warmwasser-Boiler verkleinert. Sicher noch nicht das Nonplusultra beim Thema Energiesparen. Smart Houses können viel mehr: Ist das ein Thema für Sie als Energieministerin – auch privat?
Smart Home steht für mehr Wohn- und Lebensqualität, Sicherheit und eine effizientere Energienutzung. Das sind verlockende Perspektiven, für den Einzelnen ebenso wie aus volkswirtschaftlicher Sicht. Ältere Menschen können von vernetzten Geräten und automatisierten Abläufen im häuslichen Umfeld enorm profitieren, weil sie ihnen länger ein selbständiges Leben ermöglichen. Energietechnisch macht es keinen Sinn, ein Wohnhaus den ganzen Tag voll zu heizen, wenn seine Bewohner alle ausserhalb arbeiten. Eine Abwaschmaschine kann auch nachts laufen. So können Spitzen im Stromverbrauch geglättet werden. Energie-effizienz ist zentral für unsere Energiestra-tegie 2050. Ich mache auch privat mit.

Das Internet der Dinge ist auch in aller Munde: Was würde Ihr Kühlschrank immer vorrätig haben?
Käse, Trockenfleisch, Joghurt und Prosecco.

Zum Thema künstliche Intelligenz: Wann haben wir die erste digitale Bundespräsidentin?
Gott sei Dank gar nicht! Damit künstliche Intelligenz funktioniert und Roboter menschenähnlich reagieren können, müssen sie laufend trainiert werden. Selbst dann dürfte es schwierig werden, auf Unvorher-gesehenes zu reagieren. Das aber müssen Sie als Bundespräsidentin ständig tun. Auch wenn künstliche Intelligenz sicher noch gewaltige Fortschritte machen wird: Menschen brauchen Menschen – und das Volk braucht menschliche Kontakte zur Politik!

Wann stellen Sie Ihr Smartphone aus?
Als Bundespräsidentin bin ich immer im Dienst. Daher kann und will ich mich nie total von der Aussenwelt abschotten. Auf irgendeinem Kanal bin ich stets erreichbar.