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2. SCHWEIZER DIGITALTAG
25. OKTOBER 2018

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DAS MAGAZIN ZUM 2. SCHWEIZER DIGITALTAG 25. OKTOBER 2018

Robin (15) im Social-Stress
Gabi Schwegler

Mindestens 80 Nachrichten pro Tag und bis zu sechs Stunden im Netz. Robin mag es, dass er sein Leben mit Freunden teilt. Doch es hat auch seine Schattenseiten.

Robin kann sich ein Leben ohne soziale Medien kaum vorstellen: «In den Ferien gab es mal kein WLAN. Das war der Horror.»
Daniel Kellenberger

“Mein Handy ist mein Wecker, logo. Gleich nach dem Aufwachen schau ich nach, wer mir über Nacht geschrieben hat. Und dann verschick ich einen Morgensnap an meine Streaks. Das sagt den meisten Erwachsenen vermutlich gar nichts. Also: Einen Streak erhält man, wenn zwei sich drei Tage in Folge einen Snap schicken. Dann erscheint neben dem Namen ein Flämmli-Emoji. Das behält man, solange man sich weiterhin jeden Tag gegenseitig eine Nachricht schickt. Neben dem Namen steht die Anzahl Tage, die man so in Kontakt ist. Mit einer Kollegin habe ich bereits 430 Streaks. Wir haben uns also schon mehr als ein Jahr jeden Tag gegenseitig mindestens einen Snap geschickt. Zurzeit habe ich etwa 40 solche Streaks mit Kollegen und Bekannten. Meinen Morgensnap, meistens sind das nur die Worte «Guete Morgä», schicke ich also an all diese Leute. Wenn meine Eltern und meine kleinen Schwestern nicht zu Hause sind und ich alleine frühstücke, scrolle ich durch den Instagram-Feed. Das ist aber mehr ein Zeitvertreib, ich poste dort selber nicht viel. Facebook ist eh out, da ist niemand mehr wirklich aktiv in meinem Alter.

Ich denke oft, eine Welt ohne Internet wäre so viel einfacher.

Nach der Berufsschule oder dem Morgen im Büro schaue ich am Mittag als erstes wieder, wer geschrieben hat. Ich öffne jene App zuerst, bei der am meisten ungelesene Nachrichten aufpoppen. Meist plane ich dann mit Kollegen über Whatsapp, was wir am Abend machen. Wir schreiben dort meist in Gruppenchats, reine Dialoge führe ich kaum. Ich denke oft, dass eine Welt ohne Internet so viel einfacher wäre. Ich hätte weniger Stress und wir würden verbindlicher abmachen. Ich weiss schon, dass ich mir diesen ganzen Druck selber mache. Aber es ist eben schön, so eng in Kontakt zu bleiben mit Freunden. Wir schicken uns diese Lebenszeichen, um uns zu sagen, dass wir uns nicht vergessen. Das gefällt mir.

KURZ GEFRAGT

Lieblingsapp?
Snapchat
Zeit pro Tag im Internet?
Zu viel. Drei bis vier Stunden, 
in den Ferien sechs bis acht.
Lieblingswort?
Lit und fix
Anzahl Nachrichten pro Tag?
Mindestens 80 an meine Streaks.
Facebook?
Out

Daniel Kellenberger

Wenn mein Mami was besonders Feines gekocht hat oder ich an einem krassen Ort esse, zum Beispiel auf einem Boot in den Ferien, snape ich ein Bild vom Zmittag. Wenn ich das verschicke, erwarte ich nicht unbedingt eine Antwort. Snaps sind mehr dazu da, andere zu unterhalten und lustige Erlebnisse zu teilen. Oft ist es eine Art Beweis, dass man wirklich an einem Ort war. Zum Beispiel an einem geilen Konzert oder eben auf einem Boot mit 200 PS.

Wenn ich nach Feierabend nichts vorhabe, gucke ich meistens Serien auf Netflix. Ab und zu game ich «Fortnite». Aber da rege ich mich meistens zu fest auf, deshalb sind Serien chilliger. Oft chatte ich nebenbei noch ein bisschen oder lerne für die Schule. Ich finde es übrigens peinlich, wenn Eltern ihren Kindern in den sozialen Medien followen. Und Konten sperren bringt schon gar nichts. Wir finden immer wieder einen Weg, uns anzumelden. Ich rede mit meinen Eltern sehr offen über die sozialen Medien und habe zum Beispiel in der Sek an einem Elternabend mal einen Vortrag über Instagram und Snapchat gemacht. Schon krass, wie wenig die Erwachsenen wissen. Vielleicht machen sie sich deshalb zu grosse Sorgen.

Ich finde es peinlich, wenn Eltern ihren Kindern followen.

Als wir in den Sommerferien waren, hatten wir kein WLAN in der Wohnung. Das war der Horror. Es nervt mich, wenn ich keinen Kontakt haben kann und ich habe Angst, etwas zu verpassen. Deshalb bin ich nach dem Nachtessen jeweils noch in die Strandbar, wo es WiFi gab. Wenn hinter einem Streak ein Sanduhr-Emoji erscheint, hat man noch vier Stunden Zeit, sich zu schreiben. Sonst verliert man das Flämmli. Vor dem Einschlafen verschicke ich deshalb allen noch «Night».»



«Eltern müssen genau hinschauen»

Otto Bandli (58), Dozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich über die Wichtigkeit von Empathie und achtsames Verhalten von Eltern und Lehrpersonen.

Pädagogische Hochschule Zürich

Robin sagt, er stelle sich das Leben ohne Internet viel einfacher vor. Erstaunt Sie das?
Nein, denn wir Erwachsenen leiden ja genauso unter dieser ständigen Verfügbarkeit und machen uns selber unnötig Stress. Mich besorgt vielmehr, dass kaum Gegentendenzen in Sicht sind bis jetzt.

Welche Veränderung im Leben von Jugendlichen bringen soziale Medien hauptsächlich?
Junge Menschen pflegen und leben dort ihre Freundschaften aus. Das hat zur Folge, dass aggressive Verhaltensweisen und Ausgrenzung ebenfalls zunehmend innerhalb der sozialen Medien passieren. Dieser virtuelle Raum fordert eine andere Konfliktfähigkeit, die sich Jugendliche schnellstmöglich aneignen müssen.

Inwiefern ist sie anders?
Empathie, also das Einfühlungsvermögen, ist das wichtigste Stichwort. Es ist einfacher, sich in jemanden einzufühlen, der gegenübersitzt und dessen unmittelbare nonverbalen Zeichen wie Mimik und Gestik sichtbar sind. Weil das in den elektronischen Medien nicht mehr gegeben ist, erhöht sich die Gefahr, dass man sich in der Wortwahl verschätzt und Verletzungen massive Auswirkungen haben.

Wie lernt man Empathie?
Niemand kommt mit angeborener Sozialkompetenz zur Welt. Deshalb ist es wichtig, dass Jugendliche lernen, über die eigenen Gefühle zu reden und die Emotionen der Anderen zu erkennen und zu verstehen. Das sollen sie vor allem in der Schule tun, denn einen rücksichtsvollen sozialen Umgang lernt man nur im sozialen Rahmen. Der kleine Familienrahmen deckt das nur beschränkt ab.

Was ist die Aufgabe der Lehrpersonen?
Sie müssen die Verantwortung für den sozialen Umgang in der Klasse übernehmen. Das heisst, Jugendlichen klar zu machen, dass in der digitalen Welt die gleichen Regeln gelten wie in der analogen und dass sie mit ihnen Respekt füreinander, Toleranz und Zivilcourage einfordern und üben. Und Lehrerinnen und Lehrer müssen hinschauen. Mobbing schleicht sich in beiden Welten meist über eine längere Zeit ein. Das ist nicht plötzlich einfach hier.

Was meinen Sie mit hinschauen?
Es ist wichtig, dass Lehrpersonen immer wieder nachfragen und die Signale wahrnehmen, wenn ein Kind sich in der Klasse unwohl fühlt. Die Beziehungsarbeit der Lehrpersonen ist entscheidend. Dann ist schnelles, konsequentes Handeln gefragt. Bei Gewalt und Mobbing gilt die Nulltoleranz. Auf keinen Fall wegschauen aus Angst, nicht richtig reagieren zu können.

Das heisst, Eltern können die Verantwortung bequem der Schule übergeben?
Nein, überhaupt nicht. Die Pflicht hinzuschauen, gilt für Eltern genauso. Sie sollen sich für die Lebenswelt ihrer Kinder interessieren, neugierig sein und ihnen signalisieren, dass sie immer ein offenes Ohr haben. Das bedeutet, nicht erst über schwierige Themen zu reden, wenn wie letztes Jahr in den Medien vom Suizid eines Mädchens zu lesen ist, dass Opfer von Cybermobbing wurde. Das ist keine Hexerei, aber Eltern müssen sich Zeit nehmen für ihre Söhne und Töchter.

Apropos Zeit: Gibt es einen Richtwert, wie viele Stunden Jugendliche am Mobiltelefon verbringen dürfen?
Hilfreicher als ein Richtwert ist für mich ein ausgewogenes Verhältnis von medialer und non-medialer Freizeit- und Lebensgestaltung. Ich empfehle Eltern, dass sie von ihren Kindern Aktivitäten einfordern wie Freunde zu treffen, Sport zu treiben, einfach mal nichts zu machen.

Sollen Eltern ihnen auf Netzwerken wie Instagram oder Snapchat folgen?
Nein, davon rate ich ab. Jugendliche wollen nicht, dass ihre Eltern ihnen nachspionieren. Eltern sollen aber unbedingt von Zeit zu Zeit fragen, was im Netz abgeht und sich die Netzwerke und neuen Trends erklären lassen. Und das Wichtigste: Sie sind Vorbilder – sowohl im Sozialverhalten als auch im Umgang mit den elektronischen Medien.