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DAS MAGAZIN ZUM 2. SCHWEIZER DIGITALTAG 25. OKTOBER 2018

Fifty Shades of Tinder
Désirée Schweizer

Die Dating-App Tinder digitalisiert die Suche nach der Liebe des Lebens. Das ist toll und erfolgversprechend. Trotzdem bleibt das schönste aller Gefühle analog. Für immer.

Tinder bietet die Qual der Wahl: Recht für Top - Links für Flop.
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Mein Tram zum Bahnhof fährt in drei Minuten. Ich öffne Tinder. Ich sitze auf dem WC. Ich öffne Tinder. Ich liege müde im Bett. Ich öffne Tinder.

Öffne ich die Dating-App, öffnet sich die digitale Welt voller paarungswilliger Männer. 3,4 Millionen Nutzerinnen und Nutzer waren gemäss dem Statistikportal Statista Anfang dieses Jahres nur einen kurzen Klick von mir entfernt. Damit suchen vier Mal mehr Menschen als noch vor zwei Jahren die Liebe im digitalen Kosmos. Plötzlich kann ich zu jedem möglichen Zeitpunkt und an noch so unpassenden Orten einen Partner suchen und erwische mich dabei, wie etwas so Romantisches manchmal zu einem absurd anmutenden Zeitvertreib wird.

Als ich mich vor zwei Jahren von meinem damaligen Freund trennte, druckste ich rum. Ich wollte nicht eine jener Frauen sein, die im echten Leben keine Dates mehr finden und es nur von der Tramstation, vom WC oder vom Bett aus schaffen. Zu sehr hing ich dem Bild nach, dass nur sozial verwahrloste Menschen oder sonstige Nerds ihr Liebesglück online suchen. Ich wollte keine von denen sein. Als aber immer mehr Freundinnen und Freunde aus meinem Bekanntenkreis dank Tinder glückliche Beziehungen begannen, wollte ich es zumindest versuchen. Und so startete ich meine digitale Suche für das analogste Gefühl auf dieser Erde. Die Liebe.

Gym-Bilder, protzige Autos, Kuschelfotos? Nein, danke!

Meiner Mutter erklärte ich Tinder so: Ich definiere einen Altersrahmen und einen Kilometerumkreis, aus dem mir Profile von Männern angezeigt werden sollen. So poppen Bilder mit Namen und Alter auf, manchmal noch mit einer kurzen Beschreibung, dem Lieblingssong auf Spotify oder den letzten Instagram-Posts. Wische ich die Profile nach links, sage ich «Nope», wische ich nach rechts, sage ich «Like». Liken wir uns beide, gibt es einen «Match», und wir können miteinander chatten.

Womit ich bereits bei der ersten grossen Hürde angelangt bin, die Tinder stellt: die erste Nachricht. Wie beginne ich eine Konversation mit einem Menschen, von dem ich gerade mal ein paar Bilder kenne? Lustig, ironisch, philosophisch, romantisch? Welche Worte sind die richtigen, um ihn nicht abzuschrecken, sondern mich interessant zu machen? Oder umgekehrt: Bei welchen Worten schläft mir nicht das Gesicht ein?

Sehen Sie im Video: Psychologin und Sexberaterin Caroline Fux gibt Tinder-Tipps.

Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich «Hey, schöns Weekend gha?» gelesen habe. Schreibt einer nur «Hallo», löse ich den Match auf. Mit einem, der mir «Häsch schöni Lippe» schickte, kann ich nichts anfangen. Einem Typen, der nur «Sex?» schrieb, antwortete ich: «Sieben?» Er löste den Match auf. Wenn ich Sätze erhalte wie «Hoi. Also dein erstes Bild gefällt mir am besten. Schon fast ein bisschen asiatisch. Ich bin eben Asia-Fan. Höre gerne Jpop. Kpop geht auch. Du so?», frage ich mich, wo ich hier gelandet bin. Und welche Bilder dieser Mann gesehen hat. Geduld geht manchen ebenso ab: «Hast du mir deine Telefonnummer?» Eine Stunde später: «Du machst mich so neugierig.» Am nächsten Tag: «Ja oder nein?» Und dann: «Isch öppis?» Ja, es ist etwas. Du bist irr. 

Das schrieb ich natürlich nicht, sondern löschte den Match. Und wischte weiter durch die Männerwelt. Sehr bald mit einem klaren Muster: Badezimmerselfies, Motorräder und protzige Autos, Duckfaces, Gym-Bilder und Kuschelfotos mit haarigen Haustieren sind «Nope». Männer, die Delfine küssen, neben sedierten Tigern posieren oder Schnappschüsse vom letzten Suff im Bierzelt posten, ebenso. Nur ein Bild von einem Sonnenuntergang zu haben oder, noch schlimmer, nur einen Spruch à la «Träume nicht dein Leben, lebe deine Träume», reicht nicht. Und nein, merci, Surfen und Tauchen sind keine Hobbys für Menschen, die nicht am Meer leben.

Bevor ich jemanden treffe, schreibe ich gerne eine Weile hin und her, weil ich von Quasi-Blinddates nichts halte. Dafür ist mir meine Zeit zu schade – trotz aufwand­optimierter Partnersuche via App. Aber irgendwann muss man sich aus dem schützenden digitalen Kokon raus in die analoge Welt wagen. Im Zweifelsfalle eher früher als später, weil sonst Traumschlösser entstehen, die auf dem reichlich unzuverlässigen Fundament von Chat-Nachrichten gebaut wurden. Also los. Rausgehen und treffen. Mein erstes Date traf ich in meiner Lieblingsbar. Bereits im Vorfeld schrieb ich, dass ich dann nachher noch weiter müsse. Quasi als Exit-Strategie. Es war nett. Aber nicht mehr. Ich machte um 20.30 Uhr den Fisch.

Für mein zweites Date schlug ich einen ironischen Ort vor, eine Bar, die ich sonst niemals besuchen würde. Und es wurde fantastisch. Die krude Umgebung mit bunten Drinks, Agglo-Ausgängern und schlechter Musik bot so viel Gesprächsstoff, dass nie peinlich geschwiegen werden musste. Dieser Mann war für mich der Beweis, dass auf Tinder tolle Menschen sind.

Liebe lässt sich von der Digitalisierung nicht zähmen.

Für die nächsten Dates hielt ich mich weiterhin an lustige Locations. Weihnachtsmarkt, Quartierbeizen mit Billardtisch und Dart, Flughafen-Shopping. So kam es nie zu einem richtigen Desaster. Nur bei einem Sozialwissenschaftler hatte ich das Gefühl, wertvolle Zeit zu verballern. Der Mann schrieb kluge Nachrichten, war interessiert und lustig. So weit, so gut. Als ich ihn dann am Bahnhof stehen sah, wollte ich umkehren. Im analogen Leben war mir subito klar, dass das nichts wird. Bauchgefühl. Aber ich habe für mich entschieden, dass ich nie jemanden einfach stehen lasse. Aus Respekt. Wir gingen also in eine Bar, und der Mann würgte jegliche Leichtigkeit mit «wissenschaftlichen Evidenzen» ab. Knabberte ich Wasabinüsse, hielt er mir einen Vortrag über Untersuchungen zu Bakterien an Snacks in Bars. Bestellte ich einen Pisco Sour, klärte er mich über das Gesundheitsrisiko von rohen Eiern in Drinks auf. Um zwanzig Uhr fiel mir wie ganz plötzlich ein, dass ich noch das Geburtstagsgeschenk für meinen Bruder basteln musste. Abgang.

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Wie viele Männer ich über Tinder kennengelernt habe, weiss ich nicht mehr. Aber ich weiss, dass so viele gute Menschen in mein Leben gekommen sind, die ich auf eine andere Weise nicht getroffen hätte. Ich habe mich mehrmals verliebt. Andere verliebten sich in mich. Dass bis jetzt nichts daraus ­geworden ist, liegt nicht an Tinder. Sondern daran, dass es im analogen Leben ganz einfach nicht gefunkt hat.

Liebe lässt sich von der Digitalisierung nicht zähmen, echte Gefühle folgen keinen Algorithmen. Und so wische ich weiter nach links und ab und zu nach rechts und bewahre mir die Hoffnung, dass ich nicht den Richtigen wegwische, sondern ihn irgendwann treffen werde. Im Leben. So richtig undigital.