DAS MAGAZIN ZUM
2. SCHWEIZER DIGITALTAG
25. OKTOBER 2018

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DAS MAGAZIN ZUM 2. SCHWEIZER DIGITALTAG 25. OKTOBER 2018

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Claudia Mascherin

Die Digitalisierung schafft mehr Arbeitsplätze, als sie vernichtet, so das Ergebnis einer neuen Studie. Doch nicht alle Branchen profitieren. Unternehmen, Arbeitnehmer und Politik müssen vermehrt umdenken.

Eine einmalige Ausbildung vor dem Eintritt in die Arbeitswelt reicht nicht mehr aus.
Fotos: Shutterstock, Getty Images

Selbstfahrende Autos, Essen aus dem 3D-Drucker, Kommunikationsgeräte, die unsere Gedanken lesen: Science Fiction wird immer realer. Das Potenzial neuer Technologien ist riesig. Umso wichtiger ist es, dass wir ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft nicht unterschätzen.

Die Prüfungs- und Beratungsorganisation EY (Ernst & Young) geht in der Studie «What if employment as we know it today disappears tomorrow?» der Frage nach, wie sich die Arbeitswelt durch die Digitalisierung bis im Jahr 2030 verändert. 

Das Positive vorab: Die Schweiz scheint für die anstehenden Veränderungen gut gerüstet. Sie liegt in Sachen Infrastruktur von Informations- und Kommunikationstechnologien nur hinter Skandinavien. Besonders stark ist die Schweiz bei der Integration neuer Technologien. Sie tut dies schneller als jedes andere Land in Europa. Aber nehmen die Maschinen den Menschen die Arbeit weg? Jein. Zwar gehen durch automatisierte Produktionsabläufe viele Stellen in Fabriken verloren. Die Studie geht aber davon aus, dass die Digitalisierung mehr Arbeitsplätze schafft, als sie vernichtet. Dieser Wandel stellt die hiesige Arbeitswelt allerdings vor grosse Herausforderungen. Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft sind gleichermassen gefordert.

Wir müssen uns ständig neu erfinden, dazulernen und offen sein für neue Aufgaben, Branchen und Unternehmen.

Die Zahlen belegen: Die Schweiz hat viele gut ausgebildete Arbeitskräfte. Mehr als die Hälfte (52 %) der hiesigen Erwerbs-tätigen ist in wissensintensiven Jobs tätig. Damit ist das Land in Bezug auf das digitale Humankapital gut aufgestellt. Zudem ist die Schweiz seit langem ein attraktives Ziel für hochqualifizierte Immigranten. Allerdings könnte es für mittelqualifizierte Arbeitskräfte schwieriger werden. Vorgegebene und sich wiederholende Aufgaben können Maschinen schneller und günstiger erledigen. Auch die Anzahl Teilzeitarbeitsplätze gehen zurück.

Die Arbeitnehmer von morgen müssen jederzeit bereit sein, neue Wege zu gehen. «Wir befinden uns mitten in einer fundamentalen Transformation. Deshalb müssen wir uns ständig neu erfinden, dazulernen und offen sein für neue Aufgaben, Branchen und Unternehmen. Lebenslanges Lernen, eine positive proaktive Einstellung und eine menschenorientierte Kultur sind der Schlüssel – für Unternehmen und jeden einzelnen von uns», sagt Marcel Stalder, CEO EY Schweiz. Entscheidend sind dabei jene Eigenschaften, die Roboter oder künstliche Intelligenz nicht haben – etwa vernetztes Denken, Empathie und Kreativität.

Gewinner-Branchen:

Chemische Industrie, Finanzen, Gesundheitswesen, Immobilien, IT, Life Sciences

Verlierer-Branchen:

Automobil- und Transportindustrie, Einzelhandel, Produktionsbetriebe

Die Schweizer Industrie ist besonders aktiv beim Einsatz digitaler Technologien, um die Produktionseffizienz zu erhöhen. Die Studie geht davon aus, dass grosse Unternehmen im Vergleich zu KMU in Zukunft mehr für technologische Verbesserungen ausgeben. Weil sie es sich leisten können und weil sie stärker von den Veränderungen profitieren. Auf der anderen Seite können KMU neue Technologien aufgrund der geringeren strukturellen Hindernisse schneller einführen.

Um im Wettbewerb mithalten zu können, müssen die Unternehmen jedoch früh reagieren und alte Strukturen aufbrechen. Sie müssen zudem vermehrt in die Weiter-bildung ihrer Mitarbeiter investieren, damit diese stets mit den neuesten Techno-logien vertraut sind. Gerard Osei-Bonsu, Leiter People Advisory Services EY Schweiz: «Unsere Erfahrungen zeigen, dass es nicht die eine Zukunft der Arbeit gibt, sondern dass die Zukunft der Arbeit sich ständig verändert und Digitalisierung verschiedene Modelle der Zusammenarbeit erfordert und ermöglicht.»

Was die Arbeitslosigkeit und die soziale Sicherheit betrifft, so ist die Politik gefordert.

Die EY-Experten rechnen mit einem Zuwachs von 317 000 neuen Arbeitsplätzen bis 2030. Die meisten davon bei Banken und in der Life-Sciences-Branche. Dagegen muss die Automobil- und Transportindustrie mit einem Minus von 70 Prozent rechnen. Arbeitsplatzverluste betreffen wohl auch die -Produktion sowie den Einzelhandel.

Gegenwärtig hat die Schweizer Regierung Finanzierungsquellen für Industrie-4.0-Technologien bereitgestellt, aber noch nicht die Akteure des öffentlichen und des privaten Sektors zusammengebracht, um angemessene politische Reaktionen zu diskutieren. Es sollte mehr getan werden, um einen ständigen Dialog über diese Fragen zu führen, damit der vergleichbare Vorteil des Landes erhalten bleibt. Was die Arbeitslosigkeit und die soziale Sicherheit betrifft, so ist die Politik gefordert. Es gilt, die Beschäftigten umzuschulen und mit neuen Qualifikationen auszustatten. Schul-, Berufs- und Weiterbildung müssen überdacht werden. Das Erfassen von Daten ist für wirtschaftliche Erfolge essenziell, gleichzeitig müssen persönliche Daten ausreichend geschützt werden. Dazu sind neue Regularien erforderlich.

*Für die Studie wurden Faktoren wie der Anteil ausgesuchter Branchen am Bruttoinlandprodukt, das Pro-Kopf-Einkommen, der Export sowie die Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen untersucht.

Das denkt die Schweiz

Von über 300 000 neuen Arbeitsplätzen bis 2030 geht die EY-Studie aus. Das sollte eigentlich positiv stimmen. Aber wie ist die Gefühlslage bei der Bevölkerung? Eine repräsentative YouGov-Umfrage in der Schweiz gibt Aufschluss:

86 Prozent sind mit ihrem aktuellen Job (eher) zufrieden.
77 Prozent schätzen ihren Job als zukunftssicher ein.
63 Prozent gehen davon aus, dass es in Zukunft weniger Arbeitsplätze geben wird.
49 Prozent fühlen sich gut auf die Zukunft der Arbeit vorbereitet.

Vor allem Frauen, Nicht-Akademiker und Geringerverdiener fühlen sich schlecht auf die Arbeitswelt der Zukunft vorbereitet. Sie empfinden Druck und Unsicherheit und glauben, dass ihr Job in Zukunft weniger attraktiv sein wird. Männer, Akademiker und Besserverdiener sehen den Wandel hingegen als Chance.

Herausforderungen: Die Automatisierung und der demografische Wandel der Gesellschaft werden als die grossen Themen gesehen.

Chancen: Flexibilisierung und Sharing Economy machen Hoffnung auf positive Veränderungen unserer zukünftigen Arbeitsweise.

Fazit: Die meisten Befragten glauben, dass ihr Job in Zukunft attraktiver wird. Gleichzeitig wird davon ausgegangen, dass das Arbeitsleben schneller und stressiger wird, bei gleichzeitig höheren Anforderungen an Leistungen und Kenntnissen der Beschäftigten. Viele befürchten eine Schere zwischen Alt und Jung. Für zukunftssichere Jobs sieht man Arbeitgeber, Staat und auch Arbeitnehmer (in dieser Reihenfolge) in der Pflicht.