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3. SEPTEMBER 2019

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Auf dem Weg zur Rundum-Überwachung?

Bei all ihren Vorteilen birgt künstliche Intelligenz Gefahren, die sich gegen den Menschen und seine Freiheit richten.

Unsplash

Dank künstlicher Intelligenz, Machine Learning und Big Data steht die Welt vor einem neuen Zeitalter der Überwachung: jener durch Algorithmen. Schon jetzt überwachen Millionen Videokameras Menschen auf öffentlichem Grund: in Läden, an Strassenecken oder in der Bahn. Doch das Videomaterial wird nicht laufend von menschlichem Personal ausgewertet – und wenn, dann meist im Nachhinein bei konkreten Ermittlungen.

Neue Methoden des maschinellen Lernens, der biometrischen Gesichts- sowie Gang- und Sprachmustererkennung könnten dazu führen, dass Algorithmen nun rund um die Uhr Videodaten oder Telefongespräche auswerten – und die Polizei bei «verdächtigem» Verhalten automatisch alarmieren. In China sind bereits 180 Millionen Überwachungskameras installiert, bis nächstes Jahr sollen es mehr als 600 Millionen sein. Dort sind Gesichtserkennungssysteme mittlerweile so ausgefeilt, dass flüchtige Personen in einer Menschenmenge an Konzerten erkannt werden können. Wer bei Rot über die Strasse geht, wird automatisch erkannt und auf Bildschirmen am Strassenrand an den Pranger gestellt. In chinesischen Schulen registrieren Kameras, ob die Schüler dem Unterricht aufmerksam folgen, welche Bücher sie ausleihen und was sie in der Mensa essen.

Die flächendeckende Überwachung soll zudem Verbrechen voraussagen. In der von der uigurischen Minderheit bewohnten Provinz Xinjiang setzt die Polizei die App IJOP («Integrated Joint Operations Platform») ein, um Verbrechen oder «abnor­males Verhalten» vorherzusagen. Wenn jemand ein Telefon benutzt, das nicht auf ihn registriert ist, zu Hause mehr Strom verbraucht als üblich, oder wenn jemand die Gegend, in der man lebt, ohne polizeiliche Erlaubnis verlässt, registriert dies das System und alarmiert die Behörden – noch bevor eine eigentliche Straftat begangen wurde. China benutzt diese App zur sys­tematischen Unterdrückung und willkürlichen Verhaftung von Uiguren, sagt die NGO Human Rights Watch.

Seine Hightech-Überwachung exportiert China zunehmend ins Ausland. Der Konzern Huawei etwa soll laut einer Studie der Boise State University Überwachungstechnologien an 47 Staaten geliefert haben. China unterstützt zudem Staaten wie die Philippinen, Pakistan oder Kenia beim Aufbau von Smart-Cities, ausgerüstet mit den neusten Überwachungssystemen. Weltmarktführer bei Videoüberwachungssystemen ist Hikvision – zu 40 Prozent im Staatsbesitz von China. Der weltweite Markt für Überwachungssysteme erzielte 2018 laut einer Untersuchung von BIS Research einen Umsatz von 36 Milliarden Dollar – er soll bis 2023 auf 77 Milliarden Dollar anwachsen.