DAS MAGAZIN ZUM
3. SCHWEIZER DIGITALTAG
3. SEPTEMBER 2019

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Digitaltag Schweiz 2019

Was braucht die Fabrik der Zukunft?
In Kooperation mit ABB

Robert Itschner, Landeschef von ABB Schweiz, sieht in der Digitalisierung grosse Chancen für den Fertigungsstandort Schweiz – ebenso für Energieeffizienz und Komfort des Wohnens.

Digitalisierung ist nicht nur am ­Digitaltag ein dominierendes Thema. Was bedeutet sie für Sie selbst?
Wie die meisten kann auch ich mir kaum noch vorstellen, wie Leben und Beruf ohne PC und Smartphones abliefen. Wir alle erleben den digitalen Wandel mit den damit verbundenen Vorteilen tagtäglich. Ebenso tiefgreifend wandelt sich nun der Industriesektor.

Was heisst das für die Schweiz?
An einem Hochlohnstandort wie der Schweiz ist die digitale Transformation für die Industrie eine grosse Chance, Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern und veränderte Marktanforderungen zu meistern. Aber auch, um mit bestehendem Expertenwissen und digitalen Lösungen neue Wachstumsmöglichkeiten zu schaffen.

Was kennzeichnet denn diese vierte industrielle Revolution und die ver­änderten Marktanforderungen?
Sie geht weg von der Massengüterproduktion in hoher Stückzahl, hin zu kleinen, auf den konkreten Kundenwunsch gefertigte Losgrössen –in kürzester Zeit.

Wie kann das realisiert werden?
Für die Fabrik der Zukunft brauchte es ein breites, interaktives Portfolio an Lösungen, mit Robotern, selbstfahrenden Fahrzeugen, aber auch Sensoren, um den Ist-Zustand zu überwachen. Basierend auf diesen Daten können Leitsysteme die Leistung der Produktionslinien optimieren und eine hoch flexible Produktion schaffen.

Haben Sie ein konkretes Beispiel dafür?
Ein – im wahrsten Sinne des Wortes – ausgezeichnetes Beispiel dazu haben wir in unseren eigenen Reihen: Dass diese Fabrik der Zukunft schon heute realisiert werden kann, zeigen wir an unserem Standort in Lenzburg auf, wo ABB Leistungshalbleiter produziert. Dort wird eine Fertigungslinie mit umfassender horizontaler und vertikaler digitaler Integration automatisiert. Einfach ausgedrückt, werden die Leistungshalbleiterchips am Anfang der Linie eingeschleust, und an deren Ende werden die geprüften, versandbereiten verschiedenen Module für den Einsatz in der Leistungselektronik ausgeliefert. In einer Roboterzelle können so mehrere verschiedene Module gefertigt werden; dabei rüsten die ABB-Roboter die Anlage selbst um. Mit etwa gleich viel Mitarbeitenden kann damit in Zukunft der doppelte Output erreicht werden, oder gar noch mehr.

Welche Auszeichnung sprechen Sie an?
ABB Semiconductors in Lenzburg hat im Industriewettbewerb «Fabrik des Jahres 2018», der den ganzen deutschsprachigen Raum umfasst, in der Kategorie «Standortsicherung durch Digitalisierung» den ersten Platz belegt. Der Kategorientitel deutet die Chancen der Digitalisierung für den hochpreisigen Werkplatz Schweiz an: Sie erhöht die Wettbewerbsfähigkeit und kann es produzierenden Unternehmen ermöglichen, auch in Zukunft von den vielen Vorteilen unseres Standortes Schweiz zu profitieren.

Frederic Meyer

Persönlich:

Robert Itschner (52) ist seit Sommer 2018 Vorsitzender der Geschäftsleitung von ABB Schweiz. Er arbeitet bereits seit 1993 für ABB und stiess damals als junger Softwareingenieur zum Unternehmen. Itschner ist Mitglied des Vorstands­ausschusses des Verbandes der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, Swissmem. Er wuchs am Zürichsee auf und lebt heute mit seiner Familie im Zürcher Oberland.

Automatisierung weckt aber auch Ängste. Manche Studien sagen aus, dass durch sie Arbeitsplätze verloren gehen werden.
Manche Jobs werden tatsächlich verschwinden. Doch Arbeitstätigkeiten haben sich in der Geschichte schon immer verändert. Kutscher ist aus verständlichen Gründen kein verbreiteter Beruf mehr. Aber neue Jobprofile entstehen. Eine McKinsey-Studie kommt gar zum Schluss, dass bis zu 890 Millionen neue Jobs entstehen werden, was den Verlust durch die Automatisierung weit mehr als nur kompensiert. Doch das bedeutet natürlich, dass Weiterbildung nötig ist, um sich auf die neuen Berufswelten einstellen zu können. Wir müssen uns darauf einstellen, uns permanent weiterzuentwickeln. Das ist eine Aufgabe für uns alle in der Gesellschaft.

So muss also jeder Mitarbeitende in der Fertigung zum Digitalexperten werden?
In dieser Absolutheit gilt das nicht. Wir finden aktuell die niedrigsten Arbeitslosenquoten dort, wo die meisten Roboter installiert sind, etwa in Deutschland oder Südkorea. Und in den USA, wo in den vergangenen Jahren gut 100 000 Industrieroboter installiert wurden, stieg im gleichen Zeitraum die Zahl der Beschäftigten in der Fertigung stark an. Im Schnitt wurden mehr als zwei Jobs pro neu installiertem Roboter geschaffen. Künftig wird es vielerorts auch eine Kollaboration von Menschen mit Robotern brauchen. Ein Beispiel dafür ist der inhärent sichere Zweiarmroboter YuMi von ABB.

Im Schnitt werden 2 Jobs pro Roboter neu geschaffen

Ein anderes aufkommendes Thema der umfassenden Digitalisierung ist «Smart Living» in intelligent automatisierten Gebäuden. Bietet ABB auch in diesem Segment Lösungen an?
Ja, wir setzen nicht nur auf die industrielle Digitalisierung, sondern genauso auf Automations­lösungen in Wohnbauten, um das Wohnen energieeffizienter, komfortabler und sicherer zu gestalten, insbesondere mit unserem System ABB-free@home. Das ist beispielsweise in den Gebäuden von bonacasa im Einsatz.

Es ist ja nett, die Heizung und die Beleuchtung per Smartphone einzustellen. Aber mal ehrlich: Kann damit wirklich Energie gespart werden?
Eine Studie von Energie Schweiz aus dem Jahr 2016 zeigt, dass allein Effizienzmassnahmen bei der Gebäudetechnik 15 % des Energieverbrauchs und 40 % der Treib­hausgasemissionen vermeiden würden. Das ist nicht reine Theorie, wie ein Experiment mit 120 Privathaushalten in der Stadt Rösrath bei Köln zeigt: In den herkömmlichen Einfamilienhäusern mit zentraler Gasheizung wurde im Frühling 2016 je ein Smart-Home-System installiert. Die Auswertung zwei Jahre später zeigt, dass manche den Gasverbrauch für Heizung und Warmwasser um 20 bis 30 Prozent reduzieren konnten. Diese Top-Sparer hatten sich mit dem System beschäftigt und viele Automatisierungen programmiert. Das zeigt aber auch, dass die ein­fache, intuitive Bedienbarkeit ein wichtiger Faktor für die weitere Verbreitung von intelligenten Gebäude­automationslösungen ist.

Wieso ist denn Automation im Wohn­bereich noch nicht verbreiteter?
Bei Zweckbauten ist Gebäudeautomation schon länger gängig; im Wohnbau eher neu, auch aus Kostengründen. Aber mit Systemen wie ABB-free@home lassen sich Automatisierungen nun einfacher und preiswerter umsetzen.

Wann wird «Smart Living» zum Standard?
Ich denke, das ist eine Generationenfrage. Die nun in Wohneigentum investierenden «Digital Natives» haben bereits eine gewisse Erwartungshaltung an die Intelligenz eines Gebäudes, nutzen gerne interaktive Tools. Vor allem wird intelligente Automation auch dazu beitragen, dass wir im Alter länger selbständig wohnen können. Angesichts des demografischen Wandels ein wichtiger Faktor. Für mich ist es jedenfalls keine Frage, dass Gebäude­automation auch im Privatbereich bald selbstverständlich wird, uns den Alltag erleichtert – und mithilft, Energie effizienter zu nutzen.