DAS MAGAZIN ZUM
3. SCHWEIZER DIGITALTAG
3. SEPTEMBER 2019

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Digitaltag Schweiz 2019

Wie bilde ich mich richtig weiter?
In Kooperation mit der SBB

Sandra Hutterli, Leiterin Bildung SBB, über die sich immer schneller verändernde Arbeitswelt und die damit einhergehende Notwendigkeit von stetiger und lebenslanger Weiter­bildung im Beruf.

Frau Hutterli, der diesjährige Digitaltag steht unter dem Motto ­«Lifelong Learning». Wann haben Sie sich zuletzt weitergebildet?
Im klassischen Sinn weitergebildet habe ich mich die letzten zwei Jahre mit einem globalen Master of Business Administration. Das hilft mir, die globalen Trends bezüglich Digitalisierung zu erkennen und diese strategisch umzusetzen. Im Sinne des lebenslangen, kontinuierlichen Lernens bilde ich mich ständig weiter. Zum Beispiel im Austausch mit Businessverantwortlichen bei der SBB und in der Branche, mit Wissenschaftlern und durch Teilnahme an Webinaren.

Wie finde ich die richtige ­Weiter­­­bildung für mich?
Weiterbildung ist ein Erfolgsfaktor für Arbeitnehmende und Firmen. Wichtig ist zu prüfen, welches die Kompetenzen mit Zukunft sind. Die SBB unterstützt ihre Mitarbeitenden darin, indem sie ihre rund 150 verschiedenen Berufe analysiert. Wir stellen dar, wie sich ein Berufsfeld aufgrund von veränderten Kundenbedürfnissen, neuen Technologien usw. wandelt und welche Kompetenzen es künftig braucht. Gleichzeitig werden ­Möglichkeiten aufgezeigt, wie man sich weiterbilden kann.

Weiterbildung ist ein Erfolgsfaktor für Arbeitnehmende und Firmen

Warum ist Lifelong Learning so wichtig geworden?
Früher machten die Menschen eine Grundausbildung und bei Bedarf bildeten sie sich weiter. Das genügt heute nicht mehr. Die Arbeitswelt verändert sich schneller, Informationen sind jederzeit verfügbar, und das Wissen ist in immer kürzeren Abständen überholt. Hinzu kommt, dass sich neue und alte Technologien überlappen.

Was hat sich bei der SBB beispielsweise bereits konkret verändert?
Es sind inzwischen verschiedene Generationen von Sicherungs­anlagen oder Fahrzeugen im Einsatz. Für alle ist spezifisches Wissen erforderlich. Als Mitarbeitende muss ich mir das nötige Wissen oder die Kompetenz dann aneignen, wenn ich diese brauche. ­Arbeiten und Lernen vermischen sich immer mehr. Die SBB fördert lebenslanges Lernen mit entsprechenden Lernangeboten.

Wie sieht dieses Angebot aus?
Es besteht aus einem Mix von formellen Kursen mit Zertifikaten und aus informellen Lernangeboten, mit denen individuell und nach Bedarf «on the job» gelernt werden kann. Als Rangierer werde ich beispielsweise, bevor ich aufs Gleisfeld gehe, die Aufgabe virtuell durch­führen und gewisse Handlungen realitätsnah üben, ohne mich oder andere einem Risiko auszusetzen.

Thomas Meier

Persönlich:

Dr. Sandra Hutterli (47) ist Leiterin Bildung SBB, Verantwortliche Digitale Transformation (fit4future) und Verwaltungsratspräsidentin von Login AG. Sie unterstützt die Umsetzung der SBB-Strategie mit Fokus auf die Mitarbeitenden und Führungskräfte in der digitalen ransformation. Zu diesem Thema hält sie Referate und hat einen Lehrauftrag an der Universität St. Gallen inne. Vorher war sie national und international für Bildungs­fragen, Strategieentwicklungen und Veränderungs­prozesse in grossen Orga­nisationen tätig.

Die SBB hat viele Monopolberufe. Da ist die Gefahr grösser, plötzlich überflüssig zu werden. Welche Arbeitsplätze wird es in Zukunft nicht mehr im gleichen Umfang geben?
Monopolberufe gibt es bei der SBB nicht. Aber wir haben verschiedene hochspezialisierte Berufe. Mit den erwähnten Berufsfeld­analysen antizipieren wir Veränderungen frühzeitig. Es zeichnen sich gewisse Trends ab, die auch durch Studien belegt sind. Körperlich schwere Arbeiten und repetitive Tätigkeiten werden zunehmend automatisiert. Der Mensch wird vermehrt überwachen und eine zentrale Funktion an der Schnittstelle zur Technik haben. Rangierer werden Fahrzeuge nicht mehr mit anstrengenden Handgriffen kuppeln, sondern diese sind mit automatisierten Kupplungen ausgerüstet.

Was bieten Sie den betroffenen ­Personen konkret an?
Als erste Firma in der Schweiz hat die SBB zusammen mit den Gewerkschaften einen Digitalisierungsfonds gegründet. Damit gehen wir die Herausforderungen der Digitalisierung gemeinsam an. Demnächst werden wir die Ergebnisse einer ersten Studie präsentieren, die aufzeigt, wie die Arbeitswelt der Zukunft bei der SBB aus­sehen wird. Zudem hat die SBB schon vor zwei Jahren das Programm «fit4future» lanciert, um die Mitarbeitenden und Führungskräfte auf dem Wandel zu begleiten. Es beinhaltet Projekte, mit denen die Kompetenzen gesichert werden, die es braucht, um die Bahn der Zukunft zu betreiben.

Was beinhalten die Projekte von «fit4future» konkret?
Ziel ist es, die Mitarbeitenden auf die Digitalisierung vorzubereiten und sie zu unterstützen, damit sie sich die erforderlichen Kompetenzen aneignen können. Die Berufsfeldanalysen und ein Online-Check sind Beispiele aus diesem Programm. Mit dem Online-Check können die Mitarbeitenden ihre digitalen Kompetenzen selber einschätzen und diese mit Lern­angeboten gezielt entwickeln. Wir schauen auch, dass Mitarbeitende während eines Projekts laufend weitergebildet werden und nicht erst am Schluss mit einer grossen Bildungsoffensive. Dadurch bleiben sie handlungs- und entscheidungsfähig und lernen, mit Unsicherheiten umzugehen. Das sind zwei Schlüsselkompetenzen, die in Zukunft noch wichtiger werden.

Wie lange braucht es Lokführer noch?
Lokführerinnen und Lokführer wird es noch lange brauchen. Sie werden jedoch in ihrer Arbeit zunehmend durch Systeme unterstützt, und es werden neue Kompetenzen mit stärkerem Bezug zur Digitalisierung nötig sein. Lokführer wird weiterhin ein attraktiver und verantwortungsvoller Beruf am Puls der Technologie sein.

Wie viele Personen hat die SBB ­aufgrund der Digitalisierung schon umgeschult?
Im Sinne von kontinuierlichem Lernen fast alle. Beispielsweise ist es für alle Mitarbeitenden wichtig, dass sie über digitale Grundkompetenzen verfügen, um arbeitsfähig zu bleiben. Daher bieten wir den erwähnten Online-Check an.

Wie nehmen Sie den Mitarbeitenden die Angst vor der Digitalisierung?
Die Digitalisierung bietet der Wirtschaft und den Menschen Chancen, stellt sie aber auch vor Herausforderungen. Wir gehen diese an und nehmen die Mitarbeitenden mit auf den Weg in die berufliche Zukunft. Im Rahmen der Berufsfeldanalysen organisieren wir Dialoge. Dort gibt es Raum, um Ängste vor den Veränderungen offen zu besprechen. Teams, die sich die Nutzung neuer digitaler Instrumente nicht zutrauen, werden durch Coaches begleitet. Wichtig ist, dass Ängste durch konkrete Anwendungen im Berufsalltag abgebaut werden und die Mitarbeitenden erkennen, wie sie sich selber helfen können.

Hat sich Ihr Job bereits verändert?
Vor zehn Jahren gab es meinen Job in dieser Form noch nicht. Mit der Digitalisierung und den schnelleren Veränderungen in der Arbeitswelt ist die Bildung zu einem Erfolgsfaktor geworden. Deshalb hat die SBB die Steuerung der Bildung zentralisiert. Der Trend für die nächsten Jahre geht hin zu einer stärkeren Flexibilisierung von ­Bildungsangeboten, die in Ökosystemen getauscht werden – auch zwischen Mitarbeitenden selbst und über Firmengrenzen hinweg. Zentral wird die Kompetenz sein, die Zusammenhänge zu verstehen und Strategien abzuleiten, um die Kultur des lebenslangen Lernens gezielt zu fördern.