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3. SCHWEIZER DIGITALTAG
3. SEPTEMBER 2019

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Digitaltag Schweiz 2019

Wie läuft es in der Schule?
Katia Murmann

Die Schule tut sich schwer, mit der Digitalisierung Schritt zu halten. Private Firmen bieten Kurse für Schüler an. Stephanie zu Guttenberg erklärt, warum wir den Anschluss nicht verpassen dürfen.

Aleksander Marko Perkovic

Persönlich:

Stephanie zu Guttenberg (42) engagiert sich seit Jahren für Kinderschutz und digitale Bildung. Die gebürtige Münchnerin ist Mitinhaberin des Start-ups BG3000, das Schulen zusammen mit Partnern aus der Wirtschaft kostenlos Workshops für digitale Bildung anbietet. Zu Guttenberg ist mit dem CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg verheiratet. Das Paar hat zwei Töchter.

Frau zu Guttenberg, warum ist Ihnen digitale Bildung so wichtig?
Wir stehen in Europa auf der digitalen Bremse. Das sehe ich mit ganz grosser Sorge – denn wir geben den neuen Generationen nicht das Rüstzeug mit, das sie dringend brauchen, um im internationalen Wettbewerb standhalten zu können. Digitale Bildung ist, wenn man so will, das vierte Kulturgut neben Lesen, Schreiben, Rechnen.

Die öffentlichen Schulen tun sich noch schwer damit, sie haben kaum Konzepte, wie sie das Thema im Unterricht aufgreifen sollen. In die Lücke springen private Anbieter. Was für ein digitales Rüstzeug brauchen unsere Kinder denn konkret?
Es sind mehrere grosse Themen. Das eine ist das Thema Cyber Safety, Datensicherheit, Passwörter, aber auch das Thema Cybermobbing – also alles, was für den persönlichen Schutz der Menschen wichtig ist. Dann ist da die kreative Komponente, und dann natürlich auch der richtige Umgang mit den Medien. Die Chancen und Möglichkeiten, die sich uns dadurch bieten, sind absolut grossartig. Wir müssen nur lernen, sie auch so anzuwenden, dass sie für unser Leben zum maximalen Vorteil gereichen und nicht zu unserem Nachteil.

Sie haben mehrere Jahre in den USA gelebt, Ihre beiden Töchter sind dort zur Schule gegangen. Wo sehen Sie die Schulen im deutschsprachigen Raum im Vergleich zu anderen Ländern?
Amerika und Asien sind viel weiter. Dort sind Menschen am Start, für die es eine Selbstverständlichkeit ist, mit den digitalen Medien umzugehen. Wenn wir das unseren Jungen nicht beibringen, dann werden künftig die Jobs an andere verteilt – an die, die digital fit sind.

Es braucht ein Angebot, damit die Kinder nicht den Anschluss verlieren

Woher kommt diese Zurückhaltung aufseiten der Schulen?
Wir kommen in Europa aus dem Bedenkenträgertum, wir warten erst einmal, sind skeptisch und manchmal auch etwas ängstlich. Wir haben auch nicht unbedingt die Kultur des Scheiterns, wir probieren nicht aus und rennen mal gegen die eine oder andere Wand, stehen wieder auf und gehen dann weiter. Hier müssen wir umdenken, denn diese Welt ist so schnell, sie überholt uns alle. Die Geschwindigkeit, mit der uns das eingeholt hat, ist Lichtjahre schneller als die der industriellen Revolution. Das Digitale ist für uns alle neu. Da ist es wichtig, dass wir auch bereit sind, Fehler anzugehen und daraus zu lernen.

Aber was konkret macht denn das Ausland besser?
Das gelobte Land gibt es nicht. Aber in Amerika ist die Schule schon viel weiter digitalisiert, alle Dokumente sind digital, die Schulen in einem Netzwerk miteinander verbunden. Da haben alle Kinder und Jugend­lichen einen Laptop oder auch ein iPad – und es gibt aber auch sehr strenge Regeln, zum Beispiel wie viel Handy erlaubt ist und wann es weggelegt werden muss. Die Kinder sind viel fitter, wenn es darum geht, Präsentationen zu erstellen, sie bedienen die digitalen Tools mit einer Selbstverständlichkeit. Das braucht man heute in jedem Berufsfeld. Aber: Wo sie genauso Aufholbedarf haben, ist im Bereich der digitalen Citizenship, der Frage: Wie gehen wir miteinander um im Netz und was ist das richtige Mass?

Wie haben Sie Ihre Kinder digital erzogen? Bildschirmzeit ist heute ja ein Zauberwort für viele Eltern.
Meine Kinder sind jetzt schon ein bisschen grösser, sie sind da quasi reingewachsen. Als sie klein waren, gab es noch nicht wirklich überall Bildschirme. Aber in Amerika, wo dann der Laptop in der Schule Standard war, habe ich sie eng begleitet, wenn es darum ging, wie lange sie Screentime haben, welcher Standort des Geräts der richtige ist und welche Inhalte okay sind. Nicht jede Bildschirmnutzung ist ausserdem gleich. Ich kann zwei Stunden Mathe am Rechner machen oder mir zwei Stunden eine Serie ansehen. Das kann man nicht aufrechnen. Es geht darum, ein gesundes Mass zu finden zwischen dem, was nötig ist, und dem, was Freizeit ist.

Sie haben sich am Start-up beteiligt, das die Smart Camps durchführt. Jetzt möchten Sie Ihre Kurse auch in die Schweiz bringen. Warum?
Wir haben in Deutschland schon über 20 000 Schüler in den Smart Camps gehabt. Sie sind für die Schulen kostenlos. Die Themen und Bedürfnisse sind in Deutschland und in der Schweiz die gleichen. Wir bringen digitale Bildung mit den richtigen Leuten an die Schule.

Warum kann das die Schule nicht selbst?
Die Mühlen der öffentlichen Schulen mahlen langsam, es dauert, bis Gelder freigesetzt und Dinge umgesetzt werden. Beim Thema digitale Bildung aber ist die Halbwertszeit so irrsinnig kurz. Wir müssen hier gesellschaftlich ein bisschen umdenken, denn natürlich sind wir es gewohnt, dass das von der öffentlichen Hand geregelt wird. Aber das ist in diesem Bereich nicht mehr so einfach, deshalb versuchen wir mit Partnern aus der Wirtschaft diese Lücken zu füllen. Wir agieren wie ein Schnellboot, bis die Tanker – also die Verantwortlichen aus der Politik und aus dem Bildungssystem – auch ihre Dinge umsetzen können. Bis dahin braucht es ein Angebot, damit die Kinder den Anschluss nicht verlieren. Und ich hoffe natürlich für uns alle, dass die Schulen schnell mit Angeboten kommen. Es gibt neue Lehrer, die zu diesen Themen ausgebildet werden – aber bis dahin werden noch einige Jahre vergehen. Zeit, die die heutigen Schüler nicht haben. Das System Schule wird sehr wahrscheinlich niemals Schritt halten können mit dem immensen Tempo der Digitalisierung. Wir als digitale Bildungsinitiative sind da viel wendiger und können neue Entwicklungen in kurzer Zeit in unsere Workshops als Lerninhalte integrieren.

Ein Thema, das in Ihren Workshops behandelt wird, ist Cybermobbing. Hier in der Schweiz hat der «Fall Céline» bewegt – ein Mädchen, das in den Tod getrieben wurde. Was können Jugendliche und Eltern hier tun?
Wir arbeiten in den Cybermobbing-Kursen unter anderem mit Rollenspielen, bei denen Jugendlichen bewusst wird, was Mobbing eigentlich ist, wie schnell es passiert – vor allem, wenn ich meinem Gegenüber nicht direkt in die Augen schaue. Sie erfahren, welche Dynamik entsteht, wie sich das Opfer fühlt. Diese Rollenspiele sind unendlich wichtig, um das Verständnis und die Sensibilität zu schärfen für diese Themen. Meistens gehen die Jugendlichen sehr, sehr nachdenklich aus dem Kurs raus.

Was raten Sie Opfern?
Hier ist es wichtig, Hilfsangebote anzubieten. Vertrauenslehrer, die Eltern. Sie müssen die Hilferufe ernst nehmen. Den Jugendlichen hilft es zu wissen, dass sie nicht alleine sind, dass es vielen Menschen und vielen Jugendlichen so ergeht und dass es Hilfe gibt. Sie müssen verstehen, dass sie nicht alleine sind mit diesem Schmerz und dass man gemeinsam Lösungen sucht – die gibt es nämlich.

Sie setzen in Ihren Kursen stark auf die Eigenverantwortung, dass man Kinder befähigt, mit den digitalen Medien umzugehen. Braucht es eine digitale Aufklärung?
Ich vergleiche die digitalen Medien immer gerne mit dem Autofahren. Sie geben Ihrem Kind ja auch nicht den Autoschlüssel in die Hand und sagen: Viel Spass beim Autofahren – sondern wir schicken es in die Fahrschule, und das dauert meistens sogar recht lang, und die Prüfungen sind nicht immer ganz einfach. Ganz ähnlich ist das mit der digitalen Bildung und mit der digitalen Aufklärung. Es braucht Schulungen dafür, es braucht das Wissen, richtig und korrekt damit umzugehen – also eine Art digitalen Führerschein.