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3. SEPTEMBER 2019

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Wie lebt man in der digitalen Diktatur?
Adrian Meyer

Kai Strittmatter, langjähriger China-Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung», über Chinas Aufbau eines digitalen Überwachungsstaats – und warum das Land damit den Westen herausfordert.

Herr Strittmatter, trauen Sie sich noch, nach China zu reisen?
Ich habe momentan gar keine Lust, das auszuprobieren. Was deutschsprachige Journalisten angeht, stehe ich schon länger weit oben auf der schwarzen Liste. Das hat sich sicher nicht verbessert, seit mein Buch erschienen ist. Es kam genau eine Woche nach meiner Abreise aus China heraus.

Was weiss der chinesische Staat über Sie?
Ich lebte fast 17 Jahre lang in China. Der Staat weiss fast alles, wie über jeden meiner Kollegen dort. Wir alle wussten, dass wir 24 Stunden am Tag überwacht wurden. Dass unsere E-Mails und Handys abgehört wurden, dass Agenten in unsere Wohnung eingedrungen sind.

Was hat das mit Ihnen gemacht?
Ich habe mich damit arrangiert. Sich ständig vorzustellen, dass jemand zuhört oder einen beobachtet bis auf die Toilette, das macht dich verrückt. Als Ausländer und Journalist ist man aber in einer privilegierten Situation und relativ sicher. Gefährdet waren meine Interviewpartner, Freunde und Bekannte.

Wie haben Sie diese Menschen geschützt?
Ich musste sie manchmal auch vor sich selbst schützen. Deshalb veröffentlichte ich nicht alles, was sie mir sagten. Manchmal habe ich ihre Namen, ihr Geschlecht oder ihre Herkunft geändert. Trotzdem passierte es, dass die Staatssicherheit meine Gesprächspartner vor dem Interview eingeschüchtert haben. Manchmal sassen Agenten im Café am Nebentisch und hörten zu.

Das klingt nach alten Stasi-Methoden. Sie sagen, China erfindet momentan die Diktatur neu.
Parteiführer Xi Jinping verwandelt China wieder in eine Diktatur so repressiv wie seit Mao nicht mehr. Aber gleichzeitig verpasst er der Diktatur ein digitales Update. Mit künstlicher Intelligenz, Big Data, mit einer noch nie da gewesenen Kontrolle und Manipulation des Internets. Für Xi Jinping waren die neuen Technologien ein Gottes­geschenk. Der digitale Überwachungsstaat ist in China Realität.

Wie funktioniert er?
Kaum tritt man auf die Strasse, erfassen einen Überwachungskameras. Algorithmen erkennen ­deinen Gang, dein Gesicht, deine Sprachmuster und gesprochenen Worte am Telefon. Algorithmen hören das gesamte Telefonnetz in Provinzen wie Anhui jetzt schon rund um die Uhr ab. Die Polizei wird automatisch alarmiert, wenn verdächtige Wörter benutzt werden oder verdächtige Personen sprechen. Oder wenn jemand uigurisch spricht.

Die grösste Wanze aber ist das Smartphone, sagen Sie.
In China erleichtern Super-Apps wie Wechat das Leben unglaublich. Man kann damit chatten, Hotels buchen, bargeldlos bezahlen, Taxis bestellen, Kredite beantragen, bei Gerichten Akten einreichen. Nur, die Staatssicherheit sitzt bei jedem einzelnen Klick mit dabei. Sie hat Zugang zu allen deinen Daten, ­deinen Gedanken.

Alle reden über Trump und Putin, aber viel zu wenige über China

Wie ist das möglich?
China hat sein Internet vom Rest der Welt abgeschottet. In diesem Paralleluniversum konnten sich private Hightechfirmen wie ­Tencent, Alibaba oder Huawei ­geschützt vor der Konkurrenz ­ent­wickeln. Sie müssen dafür aber mit der Kommunistischen Partei ­kooperieren und ihre Daten zur Verfügung stellen. In den Firmen arbeiten Zehntausende Zensoren. Obwohl sie keine eigentlichen Staatsfirmen sind, überwachen sie ihre Nutzer für den Staat.

Nach einer Testphase startet nächstes Jahr in China das soziale Bonitätssystem. Damit wird das Verhalten jedes Bürgers bewertet.
China will damit das Volk in Vertrauenswürdige und Vertrauens­brecher unterteilen. Wer sich nicht korrekt verhält, verliert Punkte und wird sanktioniert. 20,5 Millionen Mal wurde deswegen im letzten Jahr Menschen der Kauf eines ­Flugtickets verwehrt, und sechs Millionen Mal der Zugang zu ­Hoch­geschwindigkeitszügen.

Was will der Staat damit erreichen?
Er will das gesamte Handeln eines jeden Menschen kontrollieren. Die lückenlose Überwachung soll am Ende in den Köpfen der Menschen selbst stattfinden. Sie sollen sich freiwillig angepasst ­verhalten. Das ist das Ziel. Das perfekte Panoptikum.

Wie kann man sich dieser ­Überwachung entziehen?
Wohl gar nicht. Das Ziel ist, jedes Wort und jede Tat zu erfassen, bewerten, bestrafen oder belohnen. Am besten in Echtzeit.

Was ist das für ein Menschenbild?
Freiheit und Selbstverantwortung haben darin keinen Platz. Xi Jinping will der Welt die «Weisheit Chinas» schenken. Aber er meint damit nicht Konfuzius oder andere traditionelle Werte. Sondern die Normen einer leninistischen Diktatur. Es geht ihm um Macht.

Warum wehrt sich dagegen fast niemand?
In einer Diktatur werden wenige zu Helden geboren. Ich wäre wahrscheinlich auch keiner. Es wäre selbstmörderisch, sich mit dem Regime anzulegen. Die meisten arrangieren sich und müssen in Lüge leben. Dabei anständig zu bleiben, ist schon ein grosser Schritt. In diesem System sind Wahrheit und Erinnerung ein Verbrechen. Idealismus, Solidarität, Empathie gelten als verdächtig. Das System lebt von Misstrauen, von sozialer Isolation. Das verkrümmt die Seelen.

Lasse Bech Martinussen

Persönlich:

Der Allgäuer Journalist und Buchautor Kai Strittmatter (54) ist studierter Sinologe und berichtete ab 1997 acht Jahre lang für die «Süddeutsche Zeitung» aus Peking. Von 2005 bis 2012 war er in Istanbul Korrespondent, bevor er 2012 für weitere sechs Jahre nach Peking zurückkehrte. Derzeit ist er Skandinavien-Korrespondent in Kopenhagen.

Aus welchem Grund rüstet China gerade jetzt technologisch auf?
Der Auslöser in Sachen künstliche Intelligenz war, als 2016 Googles Computerprogramm «Alpha go» den weltbesten Go-Spieler Lee Sedol besiegte. Das weckte China auf. Niemand investiert derzeit so viel in die KI-Entwicklung. Bis 2025 soll China im Bereich der künstlichen Intelligenz mit den führenden Technologienationen gleichziehen und bis 2030 sogar die Nummer eins werden.

Wieso wurde diese so wichtig für China?
Es geht um Wirtschaftskraft, aber auch um die Perfektionierung der Überwachung. China will damit zum Beispiel aufziehende Krisen in der Gesellschaft vorhersagen. Künstliche Intelligenz soll helfen, das autoritäre System wasserdicht zu machen. Xi Jinping will die endlose Herrschaft der Kommunistischen Partei. Und mit China ins «Zentrum der Welt» marschieren, wie er gesagt hat.

Wie sollte Europa auf dieses ­Machtstreben reagieren?
Mein Buch sollte für die schlafenden Mitbürger zu Hause ein Tritt
in den Hintern sein. Wacht auf, da braut sich was zusammen! Alle reden über Trump und Putin, aber viel zu wenige über China. Dabei ist China der mit Abstand mächtigste, wohlhabendste und technologisch fortgeschrittenste autoritäre Staat der Welt. Und die Kommunistische Partei betrachtet uns westliche Demokratien offen als ideologischen Feind. Da sollte man sich schon fragen, ob man zentrale Teile der Hightech-Infrastruktur einfach chinesischen Konzernen überlässt.

Der Westen hoffte, China würde durch das Internet und den freien Handel offener, demokratischer.
China war zwar immer eine Diktatur. Aber es hatte sich die letzten Jahrzehnte geöffnet, die Gesellschaft und die Wirtschaft konnten sich Freiräume erkämpfen. Es gab eine Zivilgesellschaft. Das hat zum Irrglauben geführt, dass Handel Wandel bringt. Aber Xi Jinping macht nun Schluss mit all diesen Freiräumen.

Jede Diktatur bricht irgendwann zusammen.
Ob das auch bei China so ist, ist eine spannende Wette. China will die perfekte Diktatur errichten. Ein Orwell’scher Überwachungsstaat gepaart mit Spass und bunter, lebendiger Konsumwelt. In China kann man in Entertainment ersaufen. Aldous Huxley sagte mal, die wahre Kunst sei es, Menschen dazu zu bringen, ihr Sklavendasein zu lieben. Die Frage ist: Wie lange funktioniert das?

Sind Sie in China zum glühenden Demokraten geworden?
Ich sehe, wie viele in Europa verzagen und das Vertrauen in die Demokratie verlieren. Das macht mir Angst. Unsere Normen und Werte dürfen nicht einfach aufgegeben oder verkauft werden. Wir müssen endlich Haltung zeigen mit Leidenschaft und Enthusiasmus. In den nächsten Jahren geht es um die Zukunft Europas und der liberalen Demokratie. Dafür lohnt es sich zu kämpfen, es ist noch immer das Beste, was wir haben. Falls wir das vermasseln, dann, weil wir selbst pennen.