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3. SCHWEIZER DIGITALTAG
3. SEPTEMBER 2019

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Digitaltag Schweiz 2019

Wie retten wir die Arbeit?
Nicoletta Cimmino

Die Philosophin Lisa Herzog ist überzeugt, dass mit der Digitalisierung längst nicht so viele Berufe aussterben müssen wie befürchtet. Sie findet jedoch: Es braucht mehr politische Steuerung.

Paula Winkler

Lisa Herzog (35) ist Philosophin und Professorin für politische Philosophie und Theorie an der Hochschule für Politik/Technischen Universität in München. Sie befasst sich unter anderem mit dem digitalen Wandel in der Arbeitswelt und Wirtschaftsdemokratie. Im Februar 2019 erschien ihr jüngstes Buch: «Die Rettung der Arbeit – ein politischer Aufruf» im Hanser Verlag.

Lisa Herzog, Sie fordern in Ihrem jüngsten Buch nichts weniger als «die Rettung der Arbeit». Muss man jede Arbeit retten?
Nein, sicher nicht. Zu retten ist die Arbeit, die es uns erlaubt, unsere Fähigkeiten zu nutzen, soziale Anerkennung zu bekommen und Sinn zu sehen in der eigenen Tätigkeit.

Und wie retten wir diese gute Arbeit hinüber in die Digitalisierung?
Das ist auf jeden Fall eine politische Aufgabe. Wie gestaltet man im Zuge der Digitalisierung das ­Rahmenwerk für die zukünftigen
Arbeitsmärkte? Welche Aufgaben muss die öffentliche Hand übernehmen? Wo ist es uns wichtig, dass wir von Menschen betreut oder versorgt werden, und wo ist es okay, dass Dinge von Automaten erledigt werden? Das sind die ­Fragen, die es zu beantworten gilt. Wir müssen entscheiden, wie wir die Digitalisierung steuern, damit sie mit unseren Wertevorstellungen übereinstimmt. Und uns nicht wie ein Naturereignis überrollt.

Schaffen wir das?
Ich schwanke zwischen Optimismus und Pessimismus. Mich stimmt es schon nachdenklich, wie langsam die politischen Prozesse sind – angesichts der Tatsache, dass wir unseren Rechtsstaat und unser Modell der Demokratie beibehalten wollen.

Als das Internet kam, herrschte Hoffnung und Aufbruchsstimmung. Man sprach davon, dass die Welt nun ­demokratischer sein würde, die ganze Menschheit miteinander verbunden. Inzwischen macht die Digita­lisierung Angst. Viele Leute sind ernüchtert, gerade was die Privatsphäre angeht ...
Zynisch gesprochen könnte man sagen: Es ist immer noch der gleiche alte Adam. Der Mensch bleibt Mensch, auch im Digitalen. Was wir miterleben konnten, gerade jüngst in der Politik, mit der Wahl von Donald Trump in den USA oder dem Brexit in Grossbritannien, welche Rolle die Möglichkeiten der digitalisierten Welt da gespielt haben, das hat zu einer Art Schockstarre geführt. Die Euphorie ist ins Gegenteil umgeschlagen. Nun müssen wir lernen, mit der Macht dieser neuen Technologien umzugehen.

Einige Finanzinstitute in den USA arbeiten in ihren Callcentern mit Software, die die Stimmen der Angestellten analysiert. Wenn sie müde tönen, erscheint auf dem Bildschirm des Mit­arbeiters eine Kaffeetasse. Oder es wird ein Herz eingeblendet, wenn der Angestellte nach Meinung der Algo­rithmen zu wenig herzlich ist mit dem Kunden.
Das hat Missbrauchspotenzial. Diese Form von Überwachung war früher gar nicht möglich, aus Kapazitätsgründen. Das ist ja, wie wenn der Chef ständig neben einem steht. Andererseits kann so ein Programm auch positiv eingesetzt werden. Wenn es um Arbeitssicherheit geht beispielsweise. Wenn jemand müde ist, bekommt er so den Hinweis: Mach mal eine Pause! Die Frage ist jedoch: Wer hat das Sagen darüber, wie die Software verwendet wird, wer hat Mitspracherecht? Wenn so ein Programm alleine von den Vorgesetzten gesteuert wird, besteht die Gefahr, dass es nur um Effizienz­steigerung, Kontrolle und Manipulation geht. Und man jegliche Privatsphäre am Arbeitsplatz verliert.

Sie plädieren dafür, dass man Unternehmen, die verantwortungsvoll mit dem Fortschritt der Digitalisierung umgehen und so gesellschaftlich einen positiven Beitrag leisten, steuerlich entlastet. Warum?
Diese Firmen beteiligen sich an gesellschaftlichen Lernprozessen und produzieren damit öffentliches Gut. Die Ökonomen nennen das «positive Externalität». Und davon wird in der Regel im freien Markt zu wenig produziert, weil es sich für die einzelnen Marktteilnehmer nicht unbedingt lohnt. Deshalb könnte ich mir gut vorstellen, dass solche Unternehmen gefördert werden. Damit ermöglicht man, dass experimentiert wird, dass man vielleicht auch einmal scheitert, aber auf eine Art, dass die Gesellschaft was daraus lernen kann.

Welche Rolle spielen bei der Berufswahl heute die sozialen Medien? Wenn ich durch meinen Instagram-­Account scrolle, sehe ich immer
sehr viele Bilder glücklicher Yoga-Lehre­rinnen am Strand von Bali, aber nie einen glücklichen Metzger.
Ja, wir feiern in den sozialen ­Medien Berufe, die schick und sexy dargestellt werden können. Und da gibt es einfach eine sehr grosse Einseitigkeit. Es gibt Berufe, die fotogen sind. Und es gibt andere, die das nicht sind, aber ­durchaus befriedigend sind. Da sitzt vielleicht jemand beim Ar­beiten einfach vor seinem Rechner. Da gibts nicht viel zu fotografieren.

Den Beruf Metzger gibt es auch in 30 Jahren noch

Bleiben wir beim Metzger. Gibt es diesen Beruf trotz der fortschreitenden Digitalisierung noch in 30 Jahren?
Wahrscheinlich ja, weil es hier auch um den körperlichen Einsatz geht. Gefährdet sind eher Berufe, bei denen viele routinierte Tätigkeiten durch Software ersetzt werden ­können. Beim Metzger hingegen wird es auch mit der Digitalisierung weiterhin so sein, dass es Menschen gibt, die kontrollieren, dass die Roboter oder Computerprogramme ihre Arbeit gut machen. Also: Selbst wenn in Zukunft Schlachtungen vollautomatisch stattfinden könnten, braucht es jemanden, der die Tiere betreut und die Qualität kontrolliert. Davor – und danach sowieso.

Kann die künstliche Intelligenz die Berufswelt gerechter machen, zum Beispiel mit Algorithmen, die ­erkennen können, wer eine Beför­derung verdient und wer nicht?
Es ist schwierig, wenn man Entscheide über Beförderungen an Computer abgibt. Diese Program-me arbeiten mit Datensätzen aus der Vergangenheit. Also stecken viele Ungerechtigkeiten, die wir historisch mitschleppen, in diesen Daten drin. Computerwissenschaftler haben aufgedeckt, dass Google Anzeigen für hoch­bezahlte Jobs öfters bei Männern als bei Frauen gezeigt hat. Der Algorithmus hatte die Aufgabe, die Anzeigen denjenigen zu zeigen, die den Job mit hoher Wahrscheinlichkeit bekommen. Und es ist ja nach wie vor so, dass in vielen Bereichen das «Männliche» die Norm ist und Männer oft lieber Männer einstellen. Der Algorithmus hatte in dem Sinne keinen Fehler gemacht, ­sondern die Vergangenheit mit ihren Ungerech­tigkeiten fortgeschrieben.

Wie könnte man das verbessern?
Das sind schwierige Fragen an der Schnittstelle von Politik und Technik. Man könnte im Prinzip in Algorithmen positive Diskriminierungen einbauen. Aber ob man es schafft, das so fein abzustimmen, dass es wirklich gerecht ist? Das dürfte schwierig sein. Insofern muss man sich fragen, ob es nicht besser ist, wenn der Mensch weiterhin ­solche Entscheidungen fällt. Und zwar am besten in Gremien mit Menschen, die sehr unterschied­liche Pers­pektiven zusammen­bringen und damit Einseitigkeiten ­ausgleichen können.

Welchen Teil Ihrer Arbeit würden Sie gerne einem Roboter überlassen?
Fussnoten formatieren! Und die Spesenabrechnungen.