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4. SCHWEIZER DIGITALTAGEN
1. BIS 3. NOVEMBER 2020

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Digitaltage Schweiz 2020

Big Brother zu Hause?

Bei der Fernüberwachung von Angestellten betreten wir Neuland. Unbestritten ist, dass die digitale Leistungskontrolle dabei zivile Freiheiten beschneidet. Sie bietet aber auch Perspektiven.

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Von Marc Neumann

Der Appell der öffentlichen Schule in Washington D.C. erfolgt digital: Um Präsenz beim Online-Unterricht zu markieren, muss sich ein Sechstklässler einmal pro Tag in die Online-Lernplattform einloggen – Chaos im Kinderzimmer hin oder her. Tut er das nicht, gibts eine unentschuldigte Absenz – selbst in Covid-Zeiten, da die Schule in der US-Hauptstadt nach wie vor virtuell besucht wird. Immerhin, die Schüler des District of Columbia Public School System (DCPS) brauchen das nur einmal täglich zu tun. Rein theoretisch könnten sie sich am Morgen husch einloggen, um sich danach in einem Skate-Park auszutoben – diese sind nämlich wieder geöffnet.

Auch an Schweizer Schulen wurde während der Zeit des Fernunterrichts die Präsenz der Schüler kontrolliert – aber nicht systematisch, wie Digitalexperte Philippe Wampfler im Elternmagazin «Fritz & Fränzi» betont. Datenschutz sei wichtig: «Digital kann ich alles kontrollieren, was die Schülerinnen und Schüler am Computer machen. Es muss Freiräume geben für die Jugendlichen. Die digitale Technologie als Kontrollinstrument zu nutzen, sehe ich als ein Risiko.»

Für zu Hause tätige Erwachsene sieht weltweit weniger locker aus. Zwar setzen Designerkleider und -schuhe noch immer Staub an, während sich Shorts, Trainerhosen und Leggings weiterhin grosser Beliebtheit erfreuen. Auch andere Annehmlichkeiten wie der Wegfall des Arbeitswegs und übermässiger Körperhygiene zugunsten eines Snacks aus dem Kühlschrank oder eines Spaziergangs im Freien stehen noch immer all jenen offen, deren Organisationstalent sie Homeoffice, Haushalt und Kinderbetreuung unter einen Hut bringen lässt.

Doch die vermeintlich grosse Freiheit der Homeoffice-Angestellten täuscht: Die Anzeichen häufen sich, dass immer mehr Arbeitgeber und Unternehmen auf digitale Kontrollen der Heimarbeiter setzen. Denn gemäss einer Untersuchung des Ökonomen Nicholas Bloom der Stanford University leisteten diesen Sommer 42 Prozent der US-Angestellten Fernarbeit.

Das wird sich auf absehbare Zeit nicht wesentlich ändern: Der Google-Mutterkonzern Alphabet etwa hat seinen 200 000 Angestellten Heimarbeit bis Juli 2021 verordnet. Facebook hat für die Hälfte seiner Belegschaft Homeoffice fürs nächste Jahrzehnt angekündigt. Und der Marktforscher Gartner behauptet, 74 Prozent aller US-Unternehmen planen an einer hybriden Arbeitsplatzgestaltung – teils zu Hause, teils im Geschäft.

Digitales Teleworking birgt erhebliches Sparpotenzial bei Büromiete und -infrastruktur, beschert Unternehmen aber auch das Risiko von Produktivitätsverlusten ihrer Angestellten im Homeoffice. Die Konsequenz: Manager und Vorgesetzte fordern den digitalen Blick über die Schulter. Dieser erschöpft sich nicht nur in der Mitarbeiterkontrolle durch die zunehmende Einbindung in Online-Meetings via Zoom, Teams und andere Software.

Quantität und Qualität der Arbeit werden zusehends auch durch den Einsatz von digitalen Spionage-Programmen überwacht. Hubstaff, InterGuard oder Time Doctor, um nur einige aus einer Liste von über 70 Produkten zu nennen, registrieren Tastatur-Tipper, Maus- oder Touchpad-Bewegungen, machen periodische Screenshots, schiessen über die eingebaute Kamera Fotos von Remote-Workern oder erstellen ein Logbuch aller aufgerufenen Programme. Programme wie InterGuard klassifizieren die Aktivitätsdaten und erstellen automatisch einen Produktivitäts-Score von Angestellten, der von Vorgesetzten jederzeit eingesehen werden kann. Hersteller dieser Produkte nennen Prozessoptimierung, Produktivitätssteigerung oder Schutz und Sicherheit von Angestellten als Ziel und Zweck.

Tschüss Privatsphäre: Der digitale Blick ins Homeoffice nimmt zu.
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Es braucht indes nicht allzu viel Fantasie, um nachzuvollziehen, dass sich viele Angestellte im Homeoffice von derlei Software überwacht und in ihrer Privatsphäre gestört fühlen. Den mahnenden Blick der Chefin in Richtung Cafeteria, das regelmässige Performance-Gespräch im Büro des Managers, das Führen von Task- und Projektmanagement-Logs im Unternehmen nimmt man hin. Aber wenn Big Brother im Homeoffice anklopft, ist das eine andere Sache – ganz zu schweigen von dem generell heiklen Thema der Sammlung persönlicher Daten.

Hier ist die Problematik verwandt mit derjenigen von Covid-Apps: Irgendwo in der Grauzone zwischen anonymisiertem Contact Tracing und individualisierbarem Contact Tracking liegt eine noch zu definierende Grenze des Machbaren bei der Verwendung von Daten. Das zeigt etwa das Beispiel von Alphabets Eintritt ins Gesundheitswesen.

So hat Verily, Alphabets Life-Sciences- Abteilung, unlängst eine Versicherung namens Coefficient gestartet. Als grösster Sammler von Nutzerdaten hat Google bereits potenziell enorme Einsicht in das gesundheitliche Verhalten von Versicherten. Google ist auch Inhaber der FitBit-Armbändchen, die Bio- und Gesundheitsdaten sammeln. Das könnte einem Monopol von Google in Versicherungswesen und Werbung im Health-Sektor Vorschub leisten (die EU hat unlängst eine Untersuchung lanciert).

Gerade im Gesundheitsbereich wird klar, dass sich technologische Entwicklung und Machbarkeit schneller entwickeln, als Regulierer und Gesetzgeber mithalten können.

Rechtlich haben Teleworker derzeit gegen die Überwachung ihrer Daten noch keinen Stich, zumindest in den USA. Heute hat der Arbeitgeber jederzeit das Recht, auf das unternehmenseigene Arbeitsgerät zuzugreifen. «Wenn Sie auf dem geschäftlichen Computer arbeiten, haben sie keinerlei Privatsphäre», kommentiert Lewis Maltby, Präsident des National Workrights Institute, auf dem kritischen Medium Alternet die Sache lapidar. Sobald Unternehmen den Schutz von physischem oder geistigem Firmeneigentum, die Optimierung von Geschäftsabläufen und -interessen oder die Gesundheit von Angestellten geltend machen, steigt auch die Legitimität dieser Eingriffe. Die digitalen Türen in die guten Stuben stehen damit in den USA offen.

In der Schweiz sieht die Situation etwas anders aus. Im Artikel 26 der Verordnung zum Arbeitsgesetz steht, dass «Überwachungs- und Kontrollsysteme, die das Verhalten der Arbeitnehmer am Arbeitsplatz überwachen», untersagt sind. Ausnahmen sind indes möglich – und in mancher Situation sinnvoll. Wer im Kühlraum einer Grossmetzgerei ohnmächtig wird, ist froh, ein digitales Überwachungssystem im Rücken zu haben. Und Investoren begrüssen IT-Sicherheitssysteme, wenn sie Dienstleistungen von FinTech-Unternehmen in Anspruch nehmen. Im Einsatz sind allerdings auch «Zeitmanagement»-Systeme, die im Homeoffice das Zeug zur Mitarbeiterüberwachung an der Grenze zur Verletzung der Privatsphäre haben. So setzt der Pharmamulti Novartis sogenannte «Arbeitsplatz-Analytics»-Software ein. «Damit können wir messen, ob Mitarbeiter telefonieren, E-Mails schreiben, in digitalen Meetings sind», sagt Novartis-Personalchef Steven Baert im Interview gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Es werde aber nicht die individuelle digitaArbeitsleistung gemessen, zudem könnten die Angestellten die Datenerhebung auch ablehnen.

Auch Programme wie Hubstaff werden in der Schweiz verkauft. Für 10 US-Dollar pro Monat pro Mitarbeiter sind bereits «unlimitierte Screenshots», Tracking von Apps, URLs und Computerpräsenz zu haben. Deren klammheimliche und illegale Anwendung hinter dem Rücken ahnungsloser Homeoffice-Worker ist vermutlich weniger ein Problem. Oftmals fragt der Arbeitgeber vielmehr direkt um das Einverständnis, diese Programme zur Prozessoptimierung, Effizienzsteigerung und zum schlankeren Projektmanagement einzusetzen. Und derweil niemand gezwungen werden darf, in die Überwachung der Privatsphäre einzuwilligen, gibt es doch Situationen, in denen das als Chance angesehen werden kann.

Diesen Tenor stimmen Forscher von der Universität St. Gallen an. Datensammlung und Daten selbst sind schliesslich per se weder rein positiv noch negativ. Erst ihre Verwendung – oder Missbrauch – gibt den Ausschlag dafür, ob sie als Machenschaften von Big Brother oder als gemeinsames Projekt, Lernchance oder Hilfestellung wahrgenommen werden, wie Antoinette Weibel, Professorin für Personalmanagement und Leiterin einer Forschungsplattform, der «NZZ» zu Protokoll gab.

Wenn Angestellte über die Art der erhobenen Daten sowie den Sinn und Zweck von Zeit- und Personalmanagementmassnahmen Bescheid wissen, können sie nicht nur einen digitalen Beitrag zu Produktivität und Effizienz leisten. Sie schöpfen auch die Währung von Vertrauen in Vorgesetzte und Unternehmen. Und kreieren damit anstatt Stress und Misstrauen Mehrwert – selbst aus dem Homeoffice.