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Totale Isolation, permanenter Krisenmodus, Panik vor Keimen. Die virtuelle Realität wird notgedrungen immer attraktiver. Die Sehnsucht nach Wildnis, Wald und Meer aber auch. Was nun?

Getty

Von Leoni Hof

Die Zukunft ist entweder ein verrusster Vorhof zur Hölle oder klinisch steril. Zumindest wenn man das Genre des Science-Fiction-Films betrachtet. In den ersten Corona-Wochen kam man sich selbst vor wie in einem: Wir erlebten den Run auf Desinfektionsmittel, die Panik vor Keimen. Wir lernten, wie man sich die Hände richtig zu waschen und Abstand zu halten habe. Im öffentlichen Verkehr versuchen wir bis heute möglichst wenig anzufassen, wir zahlen kontaktlos und drücken beim Betreten eines Restaurants auf den Desinfektionsspender, als wäre das schon immer so gewesen.

Was von der Pandemie bleiben wird, ist die Einsicht über die Fragilität dessen, was man unter Normalität versteht. Bereits jetzt jubeln die New-Work-Optimisten, dass die Pandemie nun auch jene Unternehmen zu digitalen Innovationen zwinge, die sich bisher dagegen sträubten. Corona werde zum Beschleuniger der digitalen Transformation – doch dafür braucht es mehr als nur zu wissen, wie man in der Onlinesitzung das Mikrofon anstellt. Nach wie vor gibt es in Sachen technologischem Fortschritt Handlungsbedarf.

In Branchen wie der Pharmaindustrie ist man im Bereich der virtuellen Realität (VR) einen Schritt voraus. Auch in Architekturbüros, der Autoindustrie und im Industriedesign findet sie immer mehr Anwendung. Die virtuellen Welten werden fortlaufend besser und erschwinglicher. Konzerne wir Pfizer, Mattel und Nestlé setzen auf VR für den intensiveren Austausch ihrer Mitarbeiter. Statt mit Zigi auf der Terrasse trifft man sich als Avatar. Was das Ganze persönlicher machen soll. Längst gibt es virtuelle Messen und Städtetrips, verkaufen Avatare Immobilien und trainieren Bewerber vor Einstellungstests. Vielleicht kann man bald den eigenen zum Vorstellungsgespräch schicken – ohne auf Geschlecht und Hautfarbe festgelegt zu sein. Eine Chance für gerechtere Einstellungsentscheidungen?

Was den Siegeszug der virtuellen Welten angeht, sind die Meinungen jedoch geteilt. Zu bescheiden sind ihre Möglichkeiten, noch muss zu viel Aufwand betrieben werden, um sie zu errichten. Im Mainstream angekommen sind sie nicht. Aber wenn nicht jetzt, wann dann? Schlussendlich wird die Nachfrage über diese Entwicklung entscheiden. Je besser das Benutzererlebnis, desto schneller wird sich die Technik durchsetzen.

Was wohl sicher ist: Man wird in Zukunft stärker abwägen, welche Form der Zusammenkunft wirklich Sinn macht. Form follows function. Muss es das Meeting sein, zu dem man alle einfliegen lässt, oder reicht ein E-Mail? Genügt der Videocall oder müssen wir zur Sitzung als Avatare in 3D zusammenkommen? Wie lässt sich auf Distanz eine Firmenkultur prägen? Wie mit den Mitteln des Digitalen die Kundenbindung pflegen? Denn nicht nur die Bürokomplexe sind verwaist. Statt im Quartierladen einzukaufen, bestellen wir nun online. Wir erleben Lesungen, Konzerte und die abendliche Yogastunde vorm Bildschirm. Selbst einen Francis Bacon versteigerte Sotheby’s keimfrei zum Höchstpreis von 85 Millionen US-Dollar. Das alles funktioniert, auch wenn hier und da etwas zu fehlen scheint.

Was ist Theater, wenn man in der ersten Reihe nicht fürchten muss, von der Spucke des Hauptdarstellers getroffen zu werden? Was ein Konzert, das nicht zumindest ein wenig nach Bier und Schweiss riecht? Oder bei dem sich – je nach Musikgeschmack – das Schnarchen des Nebenmanns nicht ins zarte Pianissimo mischt? Der US-amerikanische Kulturphilosoph Charles Eisenstein stellt in seinem Aufsatz «The Coronation» die Frage: «Wollen wir, dass jede Veranstaltung eine virtuelle Veranstaltung wird? Wollen wir uns, um das Risiko einer weiteren Pandemie zu senken, dafür entscheiden, für immer in einer Gesellschaft ohne Umarmung und Händeschütteln zu leben?» Die schöne neue Welt wird eine des Abwägens. Mit bewusst eingesetztem Körperkontakt. Und wahrscheinlich ohne Dreifach-Küsschen. Denn diese werden wohl auch nach dieser Pandemie keine Renaissance erleben.

Aber mit Zukunftsprognosen ist das so eine Sache. Hat man keine Kristallkugel, gleichen sie einem Stochern im Nebel. Wagen wir trotzdem eine: Die Lust auf die physische Welt wird uns nicht so schnell vergehen. Sie hält uns am Leben. Unsere Sehnsucht nach Wildnis, dem Wald, dem Meer wird grösser, je öfter wir digital unterwegs sind. Der Wert realer Begegnungen wird uns bewusst. Wir werden jedoch gewandter darin, uns vom Analogen ins Digitale zu bewegen. Und hier lassen sich Dinge erleben, die wir in der realen Welt nicht tun können oder dürfen. Unser Erfahrungsbereich wird sich vergrössern. Die schöne neue Welt wird eine «mixed reality» sein. Wir könnten sie als Chance begreifen.