DAS MAGAZIN ZU DEN
4. SCHWEIZER DIGITALTAGEN
1. BIS 3. NOVEMBER 2020

Schweiz 4.0
WIR SIND DRIN.

Die Schweizer Digitaltage

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Digitaltage Schweiz 2020

«Das letzte Mal bar bezahlt habe ich im Februar»

digitalswitzerland-Gründer und Ringier-CEO Marc Walder über die digitalen Stärken und Schwächen der Schweiz, seine Enttäuschung über die Schulen im Lockdown und seine grösste digitale Panne.

Gian Marco Castelberg

Von Fabian Zürcher

Sie haben digitalswitzerland vor fünf Jahren in Davos am WEF ­gegründet. Ist die Schweiz digital jetzt besser?

Die Schweiz ist schon besser geworden ...

... das tönt nach einem Aber ...

... korrekt. Die Schweiz ist besser geworden. Aber andere Nationen sind noch schneller, konsequenter und fokussierter in der Art und Weise, wie sie sich digital weiter­entwickeln.

Wo steht die Schweiz 2020 im globalen Vergleich?

Nehmen wir das «IMD World Digital Competitiveness Ranking» als Basis. Mit Sicherheit eine der weltweit wichtigsten Forschungs­arbeiten diesbezüglich. Wir sind neu auf Rang 6. Hinter den USA, Singapur, Dänemark, Schweden und Hongkong.

Zufrieden?

Nein. Wir haben zuerst einmal einen Platz verloren. Anstatt einen gewonnen. Deutlich wichtiger aber ist: Wo sind wir wirklich gut? Und wo ist die Schweiz weiterhin nicht stark, ja sogar schwach.

Nennen Sie einige dieser ­Schlüsselkriterien.

Stark sind wir, keine Überraschung, bei der Wissenschaft. Kriterien, die hier untersucht wurden, sind: Wie viel Geld gibt man in der Schweiz für Forschung aus? (Rang 3.) Wie ist die Qualität der Hochschulen? ETH und EPFL sind Weltklasse-Universitäten. Wie ist die Regulierung für Forschung? Hier stehen wir auf Rang 1.

Wo ist die Schweiz sonst noch stark?

Beim sogenannten Bereich «Talent». Zum Beispiel schneidet die Schweiz mit Rang 10 stark ab bei der Pisa-Studie in Mathematik. Oder wir haben in unserem Land äusserst viele hochqualifizierte, internationale Arbeitskräfte – Rang 1. Zusammenfassend: Bildung und Forschung, hier sind wir – gerade auch bei digitalen Themen – Weltklasse. Das ist fundamental wichtig, denn Bildung und Forschung sind quasi die Basis für die Fähigkeit, sich weiterzuentwickeln.

Wo ist die Schweiz schwach?

Eine Firma zu starten, ist weiterhin kompliziert in der Schweiz (Rang 37). Eine wieder zu schliessen, wenn es nicht geklappt hat, im Übrigen auch. Ebenfalls schwach: die Marktkapitalisierung von IT-Unternehmen mit Sitz in der Schweiz (Rang 43). Oder damit zusammenhängend: Exporte im Hightech-Bereich (Rand 30). Zusammenfassend: In der Forschung und Bildung sind wir super. Beim effektiven Business-Making nicht.

Die Standort-Initiative digitalswitzerland hat bald 200 Mitglieder. Alle grossen Unternehmen, die grossen Bildungsinstitutionen wie ETH, EPFL, Universitäten, sogar Kantone sind Mitglieder. Was haben diese Unternehmen und Institutionen eigentlich davon?

Es gibt, stark zusammengefasst, wohl zwei Gründe, warum wir derart viele hochkarätige Mitglieder haben dürfen: einerseits die Solidarität. Also der Wille, gemeinsam den Standort Schweiz weiterzuentwickeln. Im Wissen, dass es wichtig ist für jeden Einzelnen, dass der Standort stark ist. Starke Standorte helfen jedem, der dort tätig ist. Andererseits wohl, weil alle Unternehmen und Institu­tionen für sich selbst etwas aus der Mitgliedschaft bei digitalswitzerland mitnehmen können. Das variiert. Bei der ­Swisscom ist dies etwas anderes als bei der ETH, Google, den SBB oder dem Kanton Wallis.

Warum fusionieren Sie jetzt mit ICTswitzerland?

Eine wichtige Frage – und eine einfache Antwort: Weil wir gemeinsam stärker sind. ICTswitzerland ist in den Bereichen Bildung, Cyber Security und politische Meinungsbildung enorm stark. Die ICT-Branche hat eine Bruttowertschöpfung von weit über 30 Milliarden – und da ist nur der eigentliche ICT-Kern eingerechnet.

Welchen Einfluss hat die Corona-­Pandemie auf die Digitalisierung?

Corona hat in acht Monaten das bewirkt, was sonst drei bis vier Jahre dauert. Wir alle, Bürgerinnen und Bürger, Schülerinnen und Schüler, Konsumentinnen und Konsumenten, wir alle haben begonnen, Dinge digital zu tun, die wir vor Corona nicht oder nur ab und zu so getan haben. Einkaufen, bezahlen, informieren, unterhalten, Sitzungen machen – das waren riesige Schritte.

Was hat Sie bezüglich Digitali­sierung in dieser Zeit am meisten beeindruckt?

Ganz klar dieser eine Punkt: Die Unternehmen hatten während des Lockdowns von einem Tag auf den anderen den allergrössten Teil ihrer Mitarbeitenden zu Hause. Und was ist passiert? Es hat geklappt! Die Dienstleistungen der Unternehmen, gross oder klein, konnten aufrechterhalten werden. Von den Banken, von den Versicherungen, von den Medien, den Telekommunikationsunternehmen, dem Handel und, und, und. Das war eigentlich Wahnsinn. Hätte man uns dies vor zehn Monaten so gesagt, wir hätten es nie und nimmer für möglich gehalten …

Wir alle dürfen stolz darauf sein, was wir gemeistert haben

Was hat Sie am meisten enttäuscht?

Zuerst einmal dürfen wir alle stolz sein darauf, wie wir diese historisch schwierigen Monate gemeistert haben. Wir alle. Wir, die Bürgerinnen und Bürger. Es war für uns alle nicht leicht. Es war oft sogar superkompliziert, mühsam, durchaus auch mit Konflikten verbunden. Auf einmal alle daheim. Alle im Stress, alle unter Druck. Alle in einer vollends neuen Situation, die sie nie für möglich gehalten hätten.

Sie weichen aus.

Nun: Die Schulen haben keinen besonders guten Job gemacht, ehrlich gesagt. Oder ich muss es präziser und auch fairer sagen: Sie haben alles gegeben, im Sinne von: Sie haben improvisiert. Aber wirklich digital parat, wirklich digital aufgestellt, das waren nur wenige Schulen in der Schweiz, wenn wir ehrlich sind. Das war schon eine erschreckende Erkenntnis.

Was meinen Sie mit digital parat?

Ein ganz konkretes Beispiel: Die Kinder haben vor sich her gelernt, so gut es ging. Alleine am Tisch. In ihrem Zimmer. In der Stube. In der Küche. Vor sich ausgedruckte Aufgabenseiten, die sie zugemailt erhalten haben. Diese Seiten haben sie dann abgearbeitet. Wochenlang. Alle paar Tage rief der Lehrer oder die Lehrerin dann an und hat sich erkundigt: Ist alles okay bei dir?

Was hätten sie denn sonst tun sollen?

Schulunterricht geben! Richtigen digitalen Schulunterricht geben. Um 8.30 Uhr beginnt der Unterricht. Nicht physisch, nicht im Klassenzimmer. Aber via Bildschirm. Mit perfekt koordinierten Abläufen: Das Lehrmaterial wird digital zugestellt. Und digital wieder an die Schule zurückgespielt. Und der Unterricht findet statt. Ganz normal. Der Lehrer in der Mitte einer täglichen, gut strukturierten Videokonferenz. Ist nicht trivial, klar. Aber ehrlich gesagt: auch keine Hexerei.

Wie dachten Sie, als Sie erfahren haben, dass das BAG die gefaxten Covid-Meldungen auf die Waage legen muss?

Sagen wir es so: Die Verwaltung, oder Teile der Verwaltung, haben erfahren müssen, dass man grossen Nachholbedarf hat – und die ganze Schweiz hat zugeschaut. Das muss unangenehm sein …

Was ist Ihr Rat hier?

Digitalisierung kann man nur erlernen, indem man damit beginnt. Digitalisierung ist eine konstante Lernübung. Sie hört nie auf. Sie ist auch nie perfekt. Sie kennt den Zustand des «Nun ist alles richtig» gar nicht. Sie ist immer nur ein momentaner Zustand. Digitalisierung ist stets die Momentaufnahme vor dem nächsten Fortschritt.

Digitalisierung ist eine konstante Lernübung

Wie würden Sie Digitalisierung überhaupt erklären?

Faktisch ist Digitalisierung die Umwandlung von analogen Vorgängen und Objekten in digitale Vorgänge und Objekte. Wer damit beginnt, hat gewonnen. Wer wartet, hat verloren.

Ich möchte Ihnen noch einige persönliche Fragen stellen zur Digitalisierung.

Gerne.

Wie bezahlen Sie?

Mit Apple Pay und Twint. Zuletzt Bargeld benutzt habe ich im Februar in den Skiferien am Kiosk im Engadin. Seither nie mehr.

Wie informieren Sie sich?

Ich lese viel, aber selektiv, auf Papier. BLICK, NZZ, die Sonntagszeitungen, Spiegel, Bilanz, Handelszeitung. Den Rest auf dem iPhone, hauptsächlich: New York Times, Economist, Business Insider, Industrie-Info-Dienste, viele Informationen gelangen via Twitter zu mir.

Wie hören Sie Musik? Und welche?

Energy Zürich und SRF4 News im Auto. Spotify beim Joggen.

Ihr Lieblingsalbum?

Robbie Williams. Live at Knebworth.

Welche digitalen Regeln gelten bei Ihnen zu Hause?

iPhone und Computer weg beim Essen und wenn miteinander ­geredet und diskutiert wird.

Ihre meistbenutzten Apps?

WhatsApp, Blick, SRF Meteo, Twint, NYT, Spotify, Twitter, Vivino, SwissCovid App.

Wie viel Zeit verstreicht bei Ihnen am Morgen zwischen Aufwachen und Handychecken?

15 Sekunden.

Was hätten Sie punkto Digitalisierung nicht von sich gedacht?

Dass ich mit meinem Auto rede. Tu ich heute jeden Tag.

Netflix oder lineares TV?

Netflix. Aber nicht nur. Ich schätze SRF für Information und Sport. Und die neue Samstagabend-Sendung «Wer wohnt wo?».

Siri oder Alexa?

Siri.

Warum sind Sie auf Social Media nicht aktiver?

Ich konsumiere viel. Und sende immer weniger.

Was war Ihre grösste Digital-Panne?

Ich habe, tief in der Nacht, am Ende langer Verhandlungen, ein ganzes Vertragswerk einer grossen Transaktion an die falsche Person geschickt. Es war auch noch ein Konkurrent. Eine Katastrophe. Seither prüfe ich jede E-Mail-Adresse im Fenster oben dreimal

Wie hoch ist Ihre Screen Time?

Habe grad auf meinem iPhone nachgeschaut: 4 Stunden und 39 Minuten. Der Durchschnitt der vergangenen sieben Tage.