DAS MAGAZIN ZU DEN
4. SCHWEIZER DIGITALTAGEN
1. BIS 3. NOVEMBER 2020

Schweiz 4.0
WIR SIND DRIN.

Die Schweizer Digitaltage

International

Sponsored

Homeoffice

Digitaltage Schweiz 2020

«Die Pandemie verändert Städte positiv»

Das Homeoffice macht unser Heim zur sicheren Zone und den Arbeitsweg überflüssig. Raumplanerin Fabienne Hoelzel über die Zukunft unserer Städte und die Bedeutung der Schutzmaske im urbanen Raum.

Gerry Nitsch

Von Peter Hossli


Frau Hoelzel, wo sind Sie zu Hause?

Eindeutig in der Stadt.

Was macht einen Stadtmenschen aus?

Er schätzt es, ständig mit Anderem und Neuem konfrontiert zu sein – um sich deshalb mit sich selber auseinandersetzen zu müssen.

Sie mögen die Stadt, weil es dort zu Reibereien kommt?

Reibung ja, aber fortwährender Konflikt wäre zu stressig. In der Stadt begegnen wir immer wieder anderen Lebensentwürfen. Man sieht viel, hört viel, saugt auf, tauscht sich aus. Diese enorme Dichte macht die Stadt aus.

Dichte gilt zurzeit als gefährlich. Begegnungen machen krank, können tödlich sein. Zerfällt die Stadt?

Im Gegenteil. Wir haben die Chance, die Stadt zu stärken. Wir konnten während der Pandemie nicht reisen, kaum ins Büro, weder Kinos noch Konzerte besuchen. Stattdessen blieben wir zu Hause, vernetzten uns digital. Dadurch haben wir die eigenen Quartiere neu kennen und nutzen gelernt. Corona führt zu wohnlicheren Städten, weil wir merken, wie sehr wir auf die Stadt angewiesen sind.

Was ist eine «wohnlichere» Stadt?

Wenn man sich zu Hause wohlfühlt. Wenn man Räume hat, die man selber beleben kann – und wenn Freiräume entstehen.

Sie leben in Zürich und Stuttgart, wohnten und arbeiteten in Lagos in Nigeria und São Paolo in Brasilien – in echten Grossstädten. Trauen Sie sich seit Ausbruch der Pandemie noch in solche Metropolen?

Auf jeden Fall. Aber Reisebeschränkungen verhindern es. Lagos ist zu. Wenn ich kann, besuche ich grosse Städte. Unlängst war ich in München. Dort gilt neuerdings selbst im Freien die Maskenpflicht. Was ich begrüsse. Tragen wir Masken, sind Dichte und Begegnungen wieder möglich. Die Schutzmaske rettet die Stadt.

Zur Person

Fabienne Hoelzel (44) hat an der ETH Zürich sowie in New York Architektur studiert. Heute lehrt sie als Professorin für Entwerfen und Städtebau an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart.

Die Aargauerin ist Gründerin und Direktorin des Design- und Planungsbüros Fabulous Urban, das von Zürich aus städteplanerische Projekte in São Paulo (Brasilien) und Lagos (Nigeria) betreut.

Noch ist die Rettung nicht da. Städte sind besonders betroffen. New York beherbergt drei Prozent der
US-Bevölkerung, verzeichnet aber 19 Prozent der amerikanischen Covid-19-Todesfälle. In Paris, London oder Mumbai sieht es ähnlich aus.

Anfänglich dachte ich: Jetzt verliert die Grossstadt an Strahlkraft. Es gab viele Ressentiments gegen die Stadt, das Urbane wurde zum Feindbild. Aber soziale Interaktion und der Austausch von Wissen jeglicher Art ist das, was uns Menschen letztlich ausmacht. Das geschieht im urbanen Raum. Die Stadt als Essenz der Gesellschaft.

Zur Stadt gehören Gedränge, Lichter, Kinos, Restaurants, Läden. Während des Lockdowns ist fast alles ins Internet verschwunden. Letzten Endes spielt es keine Rolle, ob man in der Stadt oder auf dem Land online geht.

Die Verschiebung ist nicht 100-prozentig. Prozesse überlagern sich. Und aus Überlagerungen entsteht etwas Spannendes. Auf einem Gebiet aber hat Covid einen bereits serbelnden Bereich weiter reduziert: Dem Detailhandel hat die Pandemie zugesetzt.

Die Gewinner von Covid sind Onlinehändler, kleine Läden darben. Ist eine Stadt ohne Gewerbe noch eine Stadt?

Ihre Frage ist schwarz und weiss. Selbst ohne Handel bleibt die Stadt ein produktiver Ort. Wenn alle zu Hause arbeiten, ist das produktiv. Schliessen Läden, eröffnen sich neue Chancen.

Schliessen Läden, veröden die Erdgeschosse!

Nicht unbedingt. Verschwindet das Auto aus der Stadt, erhalten die Erdgeschosse eine ganz neue Bedeutung. Dann lässt sich dort wohnen und arbeiten.

Das Ziel guter Stadtplanung ist die 15-Minuten-Stadt: In einer Viertelstunde muss man zu Fuss alles besorgen können. Wenn man alles online einkauft, ist das nicht mehr möglich.

Ja, aber in anderen Bereichen haben wir die Distanzen stark reduziert. Wir gehen zu Fuss und mit dem Velo statt im Bus durch die Stadt, was die Quartiere belebt. Mit Zoom holen wir die Welt ins Wohnzimmer. Ohne zu fliegen, ohne Zeitverlust überwinden wir mit digitaler Kommunikation jede Distanz.

Onlineshopping benötigt mehr Lieferdienste, mehr Parkplätze, vielleicht einmal Drohnen. Wie soll die Stadt sich darauf einrichten?

Das ist eine der Hauptfragen unserer Disziplin. Die Lösungen sind noch vage. Klar ist: Verpackungsmaterial sollte reduziert, Rücksendungen minimiert werden. Lieferumfänge können vielleicht abnehmen. Es braucht mehr Just-in-time-Lieferungen mit kleineren Gefährten. Ideal wären lokale Hubs, an denen es zu sozialen Interaktionen kommt.
Es wird gar über unterirdische Warenlieferung nachgedacht ...

... Löcher und Tunnel graben können Schweizer.

Genau! Abwegig ist es nicht. Wir reissen Strassen auf, um Leitungen zu verlegen und zu reparieren.
Es wäre also möglich, ein zusätz­liches Verteilsystem in den Boden zu bauen. Ausserdem gehe ich davon aus, dass in absehbarer Zeit kleinere Gebrauchsgegenstände mittels 3D-Druck zu Hause produziert werden können.

Interview at Home: Fabienne Hoelzel empfängt Journalist Peter Hossli am Küchentisch.
Gerry Nitsch

Sie sagen, Begegnungen würden eine Stadt ausmachen. Wir begegnen uns seit Jahren in Chats, nun neu über Zoom. Unterscheidet sich die reale noch von der digitalen Stadt?

Das ist eine Altersfrage. Bei heute 15- oder 16-Jährigen sind diese Räume fliessend geworden. Sie unterscheiden nicht mehr zwischen digitalen und realen sozialen Begegnungen.

Zur Stadt gehört auch der Flirt. Das Mobiltelefon hat ihn erledigt.

Es ist nicht so einfach, wie Sie sich das machen. Man geht am Wochenende noch immer grillieren. Daraus entstehen Instagram-Storys. Das Mobiltelefon zerstört nicht, es verlagert und überlappt Prozesse. Sie können Ihre Wohnung putzen und mit AirPods im Ohr gleichzeitig einer wichtigen Sitzung folgen.

Covid hat einen digitalen Schub gebracht. Wir arbeiten mehr im Homeoffice, unsere Kinder haben Fernunterricht. Verändert das die Stadt für immer?

Oft sind es strukturelle Ent­scheide, die eine Stadt verändern. Machen Sie morgen eine Strasse verkehrsfrei, nutzen die Menschen den neuen Raum relativ schnell ganz anders. Mit der Digitalisierung ist es gleich. Wir arbeiten daheim und stellen fest: Die bürgerlichen Wohnkonzepte funktionieren überhaupt
nicht mehr.

Damit meinen Sie: Hier essen, dort schlafen, drüben spielen?

Exakt. Wir müssen Wohnungen bauen mit Räumen, die vielfältig nutzbar sind.

Mit aufklappbaren Betten, damit wir im gleichen Raum nachts schlafen und tagsüber arbeiten?

Zum Beispiel. Wir führen dieses Interview an einem Tisch, an dem ich arbeite, esse, manchmal Freunde bewirte. Die Digitalisierung befeuert diese Entwicklung. Ein Laptop kann überall stehen, mit dem iPhone kann ich überall zoomen. Alles überlagert sich. Arbeitet, isst und spielt man hier, wird es nutzungsdichter.

Während des Lockdowns sank die Zahl der Fahrgäste im öffentlichen Nahverkehr. Der ÖV ist eine tragende Säule der Städteentwicklung. Was, wenn das verschwindet?

Anfänglich machte ich mir deswegen grosse Sorgen. Die Maske hat die Besorgnis entschärft. Aber es stimmt: Man fährt mehr Velo und mehr Auto, was für die Stadt gut und schlecht ist.

Müssen die Städte jetzt breitere Strassen und mehr Velowege bauen?

Nein, denn das Auto wird aus den Innenstädten verschwinden. Was dann passiert – und es wird wahnsinnig viel sein –, ergibt sich von allein. Menschen beleben die Räume automatisch. In der Stadtplanung reichen oft wenige mutige Entscheide, und die Stadt verändert sich, sie wird besser. Das Auto rauszunehmen, wäre mutig, und es würde die Stadt mehr verändern als Covid oder Zoom.

Das Auto wird aus den Innenstädten verschwinden

Sie haben in einem Essay geschrieben, wir könnten von Favelas lernen – vom verdichteten Wohnen und Leben. Die Prämisse von Corona ist Abstand. Ist verdichtetes Wohnen ab diesem Jahr vorbei?

Die Frage ist, wie wir verdichtetes Wohnen gestalten. Habe ich einen guten Balkon, geht das. Ohne Balkon oder sonstige schnell erreichbare Freiräume ist es ­schwierig. Nehmen Sie asiatische Grossstädte, dort leben die Menschen seit langem verdichtet mit Pandemien. Deshalb tragen sie Masken. Die Maske dürfte in unseren Städten bleiben.

Es sei denn, wir leben vermehrt auf dem Land. Corona hat eine neue Landlust entfacht. Droht die Zersiedelung zuzunehmen?

Unsere Gesetze lassen das nicht zu, ein echter Trend ist nicht absehbar. Menschen wollen nicht allein in ihren Häuschen leben. Das wäre der Tod der Gesellschaft. Wir wollen Kunsthäuser, Univer­sitäten, Buchhandlungen und Bars. Das bietet die Stadt.

Begegnungen sind über Zoom oder in der Dorfbeiz möglich.

Ja, aber mit einer ganz anderen Intensität.

Arbeiten wir mehr zu Hause, sind weniger Büroflächen nötig. Was passiert mit den Bürogebäuden?

Wir bauen sie zu Wohnhäusern und sonstigen kollektiven ­Nutz­ungen um. Das vermindert die Wohnungsnot in den Städten.

Die Schweiz hat in den letzten 20 Jahren in urbanen Orten ein mediterranes Gefühl erhalten. Cafés, Shops, Fussgängerzonen. Verschwindet das, wenn wir über «Uber Eats» bestellen?

Nein, denn das Bedürfnis nach sozialem Austausch und menschlicher Nähe ist enorm. Das hat man gesehen, als die Clubs wieder aufgingen. Sofort strömten die Menschen rein. Die Sehnsucht nach Begegnung war mit den Händen zu greifen.

Covid hat gezeigt, dass Städte krisenfest sein müssen. Wie ist das möglich?

Städte sind dann stark, wenn sie gut durchmischt sind. Je monofunktionaler eine Stadt ist, desto krisenanfälliger. Hat ein Quartier nur Bürogebäude, steht im Lockdown alles leer. Eine gute Stadt – und somit ein Stück weit eine krisensichere Stadt – ist eine durchmischte Stadt.

Und wie lässt sich das erreichen?

Mit Gesetzen, die eine viel flexiblere Nutzung zulassen würde. Die Stadtentwicklung ist momentan noch in einem zu engen Korsett.

Könnte Covid das ändern?

Es ist meine grosse Hoffnung, dass künftig mehr Freiheit möglich ist. Dadurch könnten neue Dinge entstehen. Wir steuern zu viel, statt dass wir loslassen. Freiraum motiviert Menschen, er macht sie kreativ.

Aber können Schweizer mit Frei­räumen umgehen? Seit es das Stadtrecht gibt, stützen wir uns auf Reglemente.

Wenn es irgendwo Wasser gibt, etwa auf dem Sechse­läuten-Platz in Zürich, kühlen sich die Menschen an heissen Tagen am Brunnen ab. Das tun wir, ohne dass es jemand gesagt hat. Die Krise hat uns innovativ gemacht. Wir stellen plötzlich einen Stuhl auf die Strasse und lesen dort ein Buch. Wir platzieren irgendwo den Laptop und arbeiten.

Wird dieses Gespräch obsolet, sobald ein Impfstoff da ist – oder verändert sich die Stadt tatsächlich?

Die Pandemie verändert die Städte für immer, und zwar positiv. Viele Menschen fingen an, Velo zu fahren. Wer einmal mit dem Rad durch die Stadt fuhr, gibt das nicht mehr auf. Und viele haben gemerkt: Zoom kann die Fliegerei ersetzen. Es wird nicht so extrem bleiben wie jetzt, aber es sind Wurzeln geschlagen worden.

Die Corona-Krise ist ein Testlauf für ein besseres Stadtleben?

Wir haben gemerkt, dass das Homeoffice Vorteile bringt, nicht jeden Tag, aber vielleicht zwei
Tage die Woche. Plötzlich erleben wir unsere Wohnungen anders und haben Lust, etwas zu investieren.

Dann sind Sie optimistisch?

Zumindest ist der anfängliche Covid-bedingte Pessimismus verschwunden.