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Homeoffice

Digitaltage Schweiz 2020

Arbeitest du noch oder lebst du schon?

Oft hat das Homeoffice sich in den eigenen vier Wänden breiter gemacht, als uns lieb ist. Wieder vor die Tür setzen sollten wir es trotzdem nicht.

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Von Claudia Riedel


In der Videokonferenz schauen uns die Kollegen ins Wohnzimmer. Auch solche, die wir niemals freiwillig zu uns nach Hause eingeladen hätten. Am Telefon nehmen wir den Chef gar mit ins Schlafzimmer,  weil das gerade der einzige Raum ohne Kindergeschrei ist. Im Lockdown haben sich die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem vermischt. Dabei ist die romantische Vorstellung vom Homeoffice verpufft. Statt länger zu schlafen und weniger zu arbeiten, haben wir länger gearbeitet und weniger geschlafen.

Martin Kleinmann ist Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Zürich. Während zehn Wochen hat  er im Lockdown mit seinem Team wöchentlich über 1000 Menschen  zu ihrer Situation im Homeoffice  befragt. Ergebnis: Die Leute gaben an, sie hätten während dieser Zeit mehr gearbeitet als sonst, seien dabei jedoch weniger produktiv gewesen. «Das ist natürlich sehr frustrierend», so Kleinmann. Auch gesundheitlich ging es den Befragten im Homeoffice schlechter. Sie fühlten sich antriebslos und klagten über «signifikant mehr» körperliche Beschwerden wie beispielsweise Rückenleiden. Zudem fühlten sie sich einsam, schliefen schlechter und gaben an, dass Konflikte zugenommen hätten.

Diese negativen Empfindungen sind zum Teil den besonderen Umständen geschuldet. Die Corona-Pandemie liess uns keine Zeit, uns einzurichten. Viel eher war es eine Flucht nach Hause. Dort trafen wir auf zu kleine Bildschirme, zu laute Familienmitglieder, fehlende VPN-Verbindungen und undefinierte  Arbeitsabläufe. Zudem setzte uns  die wirtschaftliche und gesellschaftliche Unsicherheit zu. Das zeigen auch die Studienergebnisse: Just in dem Moment, als das Bundesamt  für Gesundheit die Lockerungen der  Corona-Massnahmen bekannt gab, begannen die Leute trotz Homeoffice wieder besser zu schlafen. «Dieser Zusammenhang war sehr eindrücklich sichtbar», sagt Kleinmann. Und trotz aller Widrigkeiten konnten  die Befragten dem Arbeiten von  zu Hause aus auch Positives abgewinnen. Das Familienleben sei durch die Arbeit weniger belastet gewesen. Der Zeitgewinn durch das Wegfallen des Arbeitswegs war für viele ein Segen. Ebenso dass Sitzungen kürzer ausfallen. Generell wurde die Entschleunigung geschätzt. Für Kleinmann ist deshalb klar: «Das Homeoffice hat viel mehr zu bieten, als wir jetzt erleben.» Wir müssen nur erst lernen, damit umzugehen.

Doch wer regelmässig zu Hause arbeitet, muss entsprechend eingerichtet sein. Aus gesundheitlicher Sicht ist es wichtig, zwischen Arbeits- und Privatbereich zu unterscheiden. Eine räumliche Trennung erleichtert das Abschalten. «Übergänge zwischen Aktivität und Erholung sind enorm wichtig», sagt Urs Blum, Co-Leiter des Zentrums für Human Resources, Development und Sportpsychologie und Dozent für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). «Wer am Küchentisch arbeitet, sollte am Abend alles wegräumen, um  sich so wieder einen Lebensbereich zu schaffen.» Im Idealfall sitzt man zu Hause an einem fix eingerichteten ergonomischen Arbeitsplatz.

 Die Infrastruktur in den Unternehmen wird sich mit Homeoffice zwangsläufig verändern. Bürostrukturen wie Desksharing oder Nomadenbüros sind längst keine Seltenheit mehr. Mit dem Homeoffice werden Büroflächen auf  Dauer weiter reduziert. Uni-Professor Kleinmann: «Es ist illusorisch  zu denken, man könne regelmässig daheim arbeiten und gleichzeitig seinen individuellen Büroplatz behalten.» Die Firmen würden nun überlegen müssen, was die neue Situation für ihre Liegenschaften bedeute.

Damit unser Privatleben auch im Homeoffice stattfinden kann, müssen wir uns Gedanken über unsere Bedürfnisse machen. Technische Hilfsmittel können uns unterstützen, den Privatbereich abzuschirmen. Etwa Programme, die bei Videokonferenzen den Hintergrund verschwommen darstellen und so vor unliebsamen Blicken der Kollegen schützen. Noch wichtiger sind aber klare Rahmenbedingungen. «Es genügt eben nicht, das Homeoffice im Personalreglement einfach mal zu erlauben», sagt ZHAW-Dozent Blum. «Jetzt gilt es auf beiden Seiten Bedürfnisse und Erwartungen offenzulegen.» Wann muss ich erreichbar sein? Wie oft muss ich mich bei  Kunden oder dem Chef melden? Muss ich mich abmelden für einen Einkauf? Auf lange Frist kann Fernarbeit nur dann gut funktionieren, wenn die Voraussetzungen klar definiert sind. «Ansonsten habe ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich etwas Privates mache», ergänzt Kleinmann. «Das führt unweigerlich zu Stress und Unzufriedenheit.»

Oben Office, unten Home: US-Wissenschaftlerin Gretchen Goldman ver­öffentlichte diese Fotos von ihrem CNN-Interview auf Twitter.
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Dass wir entwicklungsfähig sind, zeigt die Geschichte. Von der Agrargesellschaft wurden wir zur Industriegesellschaft und sind heute eine Dienstleistungsgesellschaft. Aus arbeitspsychologischer Sicht hat man immer gemeint, so wie es heute ist, bleibt es. «Anfangs Industrialisierung war es noch nicht vorstellbar, dass die Arbeiter mitbestimmen», sagt ZHAW-Dozent Blum. «Am Fliessband war es noch unerheblich, welcher Mensch da sitzt.» Dann hat sich das Arbeitnehmerbild verändert. Man hat angefangen, seine Mitar­beiter miteinzubeziehen und ihr  Arbeitsumfeld zu optimieren. Dabei hat man schnell gemerkt, wie wichtig diese Partizipation für den Erfolg ist. Blum: «Die Effekte sind eindeutig. Mehr Handlungsspielraum führt meist zu mehr Engagement.» Dass wir inzwischen in Richtung Selbstführung gehen, sei die logische Konsequenz. Dennoch gibt es Firmen, die ihre Mitarbeiter sogar im Homeoffice überwachen. Indem sie beispielsweise kontrollieren, wann die Leute sich einloggen oder wie lange sie telefonieren. Für die Experten ist dies keine gute Lösung. ZHAW-Dozent Blum: «Wenn Arbeit auf Präsenz ausgelegt ist, dann gibt es immer Enttäuschungen.» Viel sinnvoller seien dagegen Zielvereinbarungen für eine gewisse Zeitspanne. Davon profitierten letztlich beide Seiten.

Welche Wirkung das Homeoffice auf den Einzelnen hat, hängt allerdings von der jeweiligen Persönlichkeit ab. Dabei gilt es zwei Typen zu unterscheiden: den Segmentierenden, der Beruf und Privates gerne trennt, und den Integrierenden, der kaum zwischen Arbeit und Privatleben unterscheidet. Integrierende Persönlichkeiten dürften kaum Probleme mit der neuen Arbeitssituation haben. Sie müssen lediglich darauf achten, dass sich der Job nicht zu sehr ausdehnt. Stark segmentierende Leute dürften es dagegen schwieriger haben. Denn dieses  Arbeitsmodell entspricht im ersten Moment so gar nicht ihren Bedürfnissen. Doch auch für sie kann es funktionieren. Dazu müssen sie Strategien entwickeln, wie sie auch zu Hause zwischen Privat- und Arbeitswelt trennen. Das können Rituale sein wie ein Kleiderwechsel, das Durchlüften der Wohnräume oder eine heisse Dusche. Solche Taktiken sind immer etwas sehr Persönliches. Jeder muss für sich selbst herausfinden, wie es am besten passt. Wirklich schwierig dürfte das Homeoffice aber für all jene werden, die an Prokrastination leiden – auch bekannt als «Aufschieberitis». Uni-Professor Kleinmann: «Diese Leute brauchen soziale Kontrolle und reagieren erst durch äussere Reize.» Also beispielsweise, wenn der Chef vorbeikommt. In der Selbstführung stossen sie schnell an ihre Grenzen. «Hier sind Konflikte vorprogrammiert.»

Die grosse Herausforderung im Homeoffice wird die Beziehungspflege sein. Die morgendliche Begrüssung, der kurze Schwatz am Kaffeeautomaten oder der blöde Spruch im Vorbeigehen: All das fällt weg. «Diese kurzen Interaktionen, die man im Alltag braucht, sind virtuell viel schwieriger», sagt Kleinmann. «Ich rufe nicht mal eben beim Kollegen an, um nachzufragen, wie sein Wochenende war.» Zudem sei man am Telefon viel gehemmter, über Privates zu sprechen. Blum ergänzt: «Man will ja auch die wertvolle Zeit der Kollegen nicht verschwenden.» Selbst wenn man sich bewusst Zeit für soziale Kontakte nehme, sei es nicht dasselbe. «Virtuelle Teamkafis sind nett, kommen aber nicht an das persönliche Gespräch heran.» Auch Konflikte liessen sich viel besser im persönlich Gespräch lösen, so Kleinmann. «Weil man vor Ort alle Signale mitbekommt – auch die nonverbalen.» Der Arbeitspsychologe schlägt darum vor, dass man sich  als Team auch weiterhin trifft – am besten mindestens wöchentlich.

«Für die Arbeitswelt ist Corona ein riesiges Experiment», so Kleinmann. «Das hätten wir nicht freiwillig gemacht.» Letztlich sei man  aber überrascht gewesen, wie gut es funktioniert habe. Darum sind sich die Experten einig: Die Corona-Krise hat die Digitalisierung und damit das Modell Homeoffice weiter beschleunigt. Der Anfang ist gemacht.