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Digitaltage Schweiz 2020

«Homeschooling war ein Weckruf»

Der Lockdown zwang unsere Schulen von heute auf morgen zum Fernunterricht. Mittendrin auch Jasmin und Thomas Widmer. Das Lehrerpaar über entzaubertes Internet und wie viel Sinn digitales Lernen macht.

Valeriano Di Domenico

Von Aline Wüst


Ein Lehrerpaar mit Kleinkind im Lockdown samt Homeschooling. Das klingt intensiv!

Jasmin: Wir leben in einer Dreizimmerwohnung, haben kein Büro und teilen uns einen Laptop – unser Homeoffice gestaltete sich anfangs eher anstrengend.

Sie haben es geschafft. Wie?

Jasmin: Glücklicherweise erhielt Thomas von der Schule doch noch einen Computer. Das Schlafzimmer wurde zum Büro. Und wir haben unsere Konferenzen mit den Schülern aufeinander abgestimmt, damit einer jeweils unsere Tochter betreuen konnte.
Thomas: Wenn bei Jasmin eine Schülerin Fragen hatte, einer meiner Schüler Hilfe benötigte und gleichzeitig unsere Tochter weinte, empfand ich das als grossen Stress. Das Gefühl, ständig verfügbar sein zu müssen, machte sich breit.

Welches war Ihr Klassen-Kommuni­kationstool?

Jasmin: Am Freitag, als der Lockdown unvermeidlich war, bat uns die Schulleitung, den Schülern Microsoft Teams zu erklären. Ich habe das am Nachmittag gemacht. Üben konnten die Schüler nicht. Denn nach Schulschluss war klar: Die Schulen bleiben zu. Doch die Kinder setzten es bestens um – einmal erklärt, funktionierte es bei den meisten super.
Thomas: Auch wir arbeiteten mit Microsoft Teams.
Jasmin: Unsere Schul­leitung war sehr gut organisiert – kurze und direkte Kommu­nikations­wege zwischen Eltern und Lehrern. Es standen eine schul­interne Corona-Hotline und Tutorials, die 
den Unterricht erleichterten, 
zur Verfügung.

Sie erhielten direkten Einblick in den Familienalltag Ihrer Schüler. Womit wurden Sie dabei überrascht?

Jasmin: Wir bekamen mit, welche Kinder eine klare Tages-Struktur haben. Konkret: Wo schaut jemand, dass das Kind aufsteht, frühstückt und «putzt und gsträhled» pünktlich vor dem Computer sitzt. Es kam durchaus vor, dass Schüler erst aufwachten, als wir anriefen oder noch im Pyjama vor dem Compi auftauchten. Positiv überraschte mich, dass der von der Schule vorgegebene Rhythmus von den Eltern geschätzt wurde. Auch das Learning im Umgang mit Computer scheint mir für Schüler und Lehrpersonen äusserst wertvoll.
Thomas: Mich überraschte, mit welcher Geschwindigkeit das System Homeschooling raufgefahren werden konnte. Es war ein gemeinsames Projekt, bei dem jeder Einzelne mithalf. Ausserdem war das Verständnis der Eltern gegenüber der Tatsache, dass es auch für uns Lehrpersonen eine neue Situation war, sehr gross.

Klappt Unterrichten also genauso gut virtuell?

Thomas: Ich dachte erst, es sei unproblematisch. Doch nicht alles eignet sich. Einen Elternabend via Zoom abzuhalten, kann ich nachträglich nicht empfehlen. Mir fehlten die persönlichen Rückmeldungen. Gewisse Dinge funktio­nieren halt nur im persönlichen Kontakt.
Jasmin: Die meisten Kinder freuten sich, wieder in die Schule kommen zu dürfen. Nicht unbedingt wegen des Unterrichts. Vielmehr wegen der sozialen Kontakte. Das ist eine der positiven Seiten des Lockdowns. Der wäre ja eigentlich der grösste Traum einiger Kinder: den ganzen Tag Netflix, Instagram und Tiktok gucken. Nachdem sie nun wochenlang nur mit ihren Geräten und all diesen Angeboten eingesperrt waren, merkten sie: Das allein macht ja gar nicht glücklich.

Veränderte der Lockdown Ihre Art des Unterrichtens?

Jasmin: Wir dachten erst, dass wir Arbeitsaufträge künftig auch online verteilen können – wenn ein Kind beispielsweise krank ist. Oder wir unterrichten die Kinder digital, sollte eine Lehrperson in Quarantäne müssen.

Sieht die Realität anders aus?

Jasmin: Ja, das tut sie. Es ist trotz allem schwierig. Zwar ist im Kopf während des Homeschoolings viel passiert, in Bezug auf die Umsetzung aber noch nicht. Eines steht sicherlich fest: Es war ein Weckruf an uns Lehrer. Wir können noch digitaler werden in der Schule.

Was bedeutet Digitalisierung für Ihren Unterricht?

Thomas: Ich bin diesbezüglich eher ein Vorreiter. Meine Drittklässler arbeiten bereits mit iPads. Viele Lehrer finden zwar, es sei wichtig, dass die Schüler lernen, ein Wörterbuch zu benutzen. Ich frage mich wozu? In Zukunft werden sie sich ohnehin alle Informationen via Computer beschaffen. Noch immer herrscht die romantische Vorstellung, dass heute weiterhin alles so sein soll wie damals in der eigenen Schulzeit. Ich hoffe, dass sich gewisse Ansichten entstauben liessen.

Finden sich Schüler heute nicht ohnehin besser in der digitalen Welt zurecht als wir Erwachsenen?
Thomas: Oft bin ich überrascht, wie wenig Kinder über die digitale Welt wissen, obwohl sie damit aufwachsen. Meine Drittklässler wussten zu Beginn des Schuljahrs, wie sie auf Youtube gelangen, aber nicht wie eine Suchmaschine bedient wird. Während des Lockdowns fanden meine Viertklässler Gefallen am Chatten. Vor allem daran, Smileys herumzuschicken. Rasch begannen sie aber damit, sich untereinander zu ärgern und zu belästigen. Über längere Zeit wäre es womöglich zu Cybermobbing gekommen. Ich habe den Chat deshalb geschlossen.

Thomas Widmer (35), Primarschullehrer aus Biberstein AG
Wir sollten Internet und iPads den Zauber nehmen

Die digitale Welt ist grenzenlos. Ist Ablenkung eine Gefahr im Unterricht?

Jasmin: Es bedarf einer hohen Kompetenz, wenn ein Kind dem Auftrag, hole einen Computer, öffne dieses Programm und arbeite damit für eine bestimmte Zeitdauer, folgen soll. Schliesslich bieten diese Geräte Kindern so viele verlockende Alternativen. Und sei es auch nur, etwas an den Einstellungen ändern. Und ehrlich gesagt, wenn 23 Kinder an Computern arbeiten, habe ich wenig Kontrolle darüber, was sie genau tun, wenn ich wegschaue.
Thomas: Ich sehe das etwas anders. Halten meine Drittklässler zum ersten Mal ein iPad in den Händen, ist die Aufregung gross. Für sie sind es in erster Linie «Spassmittel». Sich auf den Auftrag zu konzentrieren, ist schwierig. Doch wir müssen den iPads und dem Internet den Zauber nehmen. Die Kinder sollen sie als Werkzeug verstehen. Nicht als Tool, um lustige Filmchen zu schauen. Die Viertklässler können das mittlerweile sehr gut.
Jasmin: Es braucht halt einfach Zeit. Wenn ich meinen Fünftklässlern sage, wir arbeiten mit dem Computer, werden sie wild. Weil sie es noch nicht gewohnt sind, damit zu lernen. Es bedarf dann einer sehr engmaschigen Führung.

Was brauchen Kinder, um zu lernen?

Jasmin: Wichtiger als ein virtuelles Klassenzimmer ist die Beziehung zur Lehrperson und eine gute Stimmung in der Klasse. Sie benötigen Sicherheit, um sich entfalten zu können.

Im Silicon Valley schicken einige Eltern ihre Kinder an Schulen, an denen es keine Computer gibt. Sie halten ihren Nachwuchs bewusst davon fern, um Kreativität und Fantasie zu fördern. Eine gute Idee?

Jasmin: Mir scheint es wichtig, Kinder in der Schule nicht von Computern fernzuhalten. Schliesslich sollen sie gesellschaftsfähig bleiben. Selbstverständlich sind Förderung von Kreativität und Fantasie ohne digitale Mittel wichtig. Ausserdem müssen sie lernen, Antworten auf folgende Fragen zu finden: Was tue ich, wenn es mir nicht gut geht? Was macht mich glücklich? Wie nutze ich meine Freizeit? Was uns Menschen wirklich guttun, sind Dinge, die nichts mit dem Handy zu tun haben. Davon bin ich überzeugt.
Thomas: Medienkompetenz zu erlernen, erachte ich ebenfalls als wichtig. Schüler von mir kamen mit Bildern von Haifischen, die eine Sonnenbrille tragen, und fragten, ob es das tatsächlich gäbe. Es ist zentral, ihnen aufzuzeigen, dass im Internet ganz viel Mist zu finden 
ist. Die Kinder müssen lernen zu filtern.

Kann alles digital gelernt werden?

Thomas: Ich gehe mit den Kindern oft in den Wald. Dort will ich sie Dinge lehren, die das Internet nicht kann. Zum Beispiel ein Feuer zu machen. Bei einer Matheaufgabe gilt es zwar auch, eine Lösung zu finden – gelingt dies nicht, ist es nicht weiter schlimm. Wenn es im Winter hingegen kalt ist und wir kein Feuer hinkriegen, frieren wir. Kinder sollen beide Welten begreifen: die reale und die digitale. Sie davor zu bewahren, ist unmöglich. Auch als Nicht-Computerfreak fühle ich mich verpflichtet, ihnen das entsprechende für ihre Zukunft wichtige Wissen zu vermitteln.