DAS MAGAZIN ZU DEN
4. SCHWEIZER DIGITALTAGEN
1. BIS 3. NOVEMBER 2020

Schweiz 4.0
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Die Schweizer Digitaltage

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Homeoffice

Digitaltage Schweiz 2020

Im Netz... durch die Maschen...

Wer seinen Job digital erledigen kann, ist auf der Insel der Glückseligen. Die anderen drohen in die Armut abzudriften. Es besteht Handlungsbedarf.

Weit weg von Corona – und allem anderen: Die Privatinsel Gladden Island vor Belize als Zufluchts- und Arbeitsort für Superreiche.
gladdenprivateisland.com

Von Marc Neumann

Spätestens seit Thomas Pikettys 2013 erschienenem Buch «Das Kapital im 21. Jahrhundert» wissen wir: Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer, derweil der Mittelstand schrumpft. Die Ausführungen des französischen Ökonomen zur auseinanderklaffenden Einkommens- und Wohlstandsschere gehören quasi zum Allgemeinwissen. Neu ist die These nicht: Laut einer Studie des Enterprise Policy Institute haben CEOs in den USA ihr durchschnittliches Einkommen seit 1978 kontinuierlich und um rund 1000 Prozent gesteigert. Im Durchschnitt verdient ein Chef heute 320-mal mehr als ein Angestellter.

Mit Covid-19 hat sich das Phänomen womöglich weiter beschleunigt. Derweil in den USA 40 Millionen Menschen wegen der Pandemie arbeitslos wurden, verdienten Amerikas Milliardäre laut Medienberichten bis Anfang September gemeinsam weit über eine halbe Billion US-Dollar dazu. Einerseits waren technologische Dienstleistungen und Geschäftsmodelle während des Lockdowns heiss begehrt – Umsätze und Unternehmenswerte schnellten hoch.

Andererseits geht ein Teil der 637 Milliarden US-Dollar auf Stimulus-Gelder zurück. Gelder, die die Wirtschaft wieder ankurbeln sollen. Die Liquidität, mit der Superreiche die Schwankungen der Aktienkurse ausspielten, leistete das Übrige. Schliesslich halten die reichsten 1 Prozent der US-Amerikaner beinahe 55 Prozent der an den Börsen gehandelten Wertschriften.

Die wachsende sozioökonomische Ungleichheit spiegelt sich im Bild der K-förmigen Erholung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt nach der Krise. Wie im Buchstaben weist das Wachstum eines Teils der Wirtschaft steil nach oben, während es für andere weiterhin bergab geht – die Einkommensschere geht weiter auf.

Mitverantwortlich für diese Entwicklung ist der Aufstieg des Homeoffice. Denn nach dem Ausrufen von Lockdown und Schulschliessungen im Frühling trennen sich Gewinner und Verlierer nach dem Kriterium, wer seinen Job daheim erledigen kann und wer nicht. Knowledge Worker in technologieaffinen, IT-lastigen und virtuellen Wirtschaftsfeldern erledigen ihre Jobs von nun an aus dem Heimbüro. Angestellte in Gastronomie, Landwirtschaft, Fischerei oder Industrie, die in der realen Welt malochen, verlieren ihre Arbeit.

Jonathan Dingel und Brent Neiman, Professoren an der Booth School of Business der University of Chicago etwa schätzen für die USA, dass rund 97 Prozent von Rechtsdiensten und 88 Prozent der Jobs in Business-Administration und Finanzwesen aus dem Homeoffice erbracht werden können. Dem stehen gerade einmal 3 Prozent der beruflichen Tätigkeiten in Transportwesen, Landwirtschaft, Fischerei oder Waldwirtschaft gegenüber. 37 Prozent der Teleworking-freundlichen Berufe waren überdies besser bezahlt und waren zumeist geografisch konzentriert in städtischen Gebieten.

Wer aber nicht über das technische Rüstzeug fürs Heimbüro verfügt, gerät in Corona-Zeiten in einen Teufelskreis digitaler Unterentwicklung. In den USA sind gemäss einer Studie der Stanford University nur 65 Prozent der Haushalte mit Breitband-Internet ausgestattet, das stark genug für Video-Konferenzen ist. Ein Drittel der Erwerbstätigen guckt in Sachen Homeoffice in die Röhre. «Low skills, low wages»-Worker haben oft nicht den finanziellen Spielraum, um einfach auf Heimarbeit umzusatteln oder ihre IT-Infrastruktur aufzurüsten. Dagegen sind wirtschaftlich Schwächere und Minoritäten wie Latinos oder Afro-Amerikaner durch Covid-19 gleich dreifach geschlagen: Neben höheren Infektions- und Sterberaten aufgrund von Niedriglohn- und Hochrisikojobs weisen sie auch eine höhere Arbeitslosigkeit auf. Und so fehlt die digitale Möglichkeit, sich im Homeoffice am eigenen Schopf aus der Malaise zu ziehen.

Der digitale Teufelskreis wirkt dabei auch langfristig: Durch Mangel an schnellem Internet und leistungsfähigen Rechnern werden berufliche Weiter- und die Schulbildung der nächsten Generation systematisch zurückgeworfen. So öffnet sich die Schere der sozioökonomischen Ungleichheit immer weiter.
Die Problematik ist nicht auf die USA beschränkt, sondern stellt sich auch im Rest der Welt. In Schweden und England beispielsweise konnten jeweils über 40 Prozent der Arbeitsplätze nach Hause verlagert werden. In Mexiko oder der Türkei dagegen funktionierte das in weniger als 25 Prozent der Jobs.

Getrübte Idylle: Lebensmittel werden während der Corona-Krise in der Schweiz abgegeben.
Keystone

Weltweit haben weniger als 50 Prozent der Weltbevölkerung einen Computer zu Hause und nur knapp 60 Prozent Zugriff aufs Internet. Das stellte Era Dabla-Norris, Ökonomin am Internationalen Währungsfonds (IMF) in einer OECD-Studie mit 35 Ländern fest: «Eine Buchhalterin in Amerika ist technologieaffin und hat kein Problem, einen Computer von zu Hause aus zu nutzen», so Dabla-Norris. «Ihr Pendant in einer indischen Kleinstadt benutzt vermutlich immer noch Papier und Bleistift und arbeitet mit Kontoblättern anstelle eines Computers.»

Selbst Europa bleibt von der sich öffnenden Ungleichheitsschere durch die neue, digitale Arbeitskultur nicht verschont. Wie Juan Palomino von der Universität in Oxford für 29 europäische Länder recherchierte, besteht auch hier die Korrelation zwischen Telearbeit und höheren Einkommen. Der Anstieg des Armutsindexes beträgt europaweit 4,9 bis 9,4 Prozentpunkte. Auf ärmere Bevölkerungsschichten schlage sich das in einer Einkommensverlustrate von bis zu 16,2 Prozent nieder.

Besonders besorgniserregend: Wenn der Trend zum Homeoffice anhält, öffnet sich auch die Schere digitaler und wirtschaftlicher Ungleichheit weiter. Und einiges spricht dafür, dass Heimarbeit zum festen Bestandteil wird. Eine Umfrage des Beratungsunternehmens KPMG unter 1300 CEOs weltweit ergab klare Mehrheiten (80 Prozent) für digitale Expansionspläne während der Pandemie. Parallel dazu planten über zwei Drittel der Führungskräfte die Reduktion von Büroflächen.

Verschiedene multinationale Konzerne, darunter Fujitsu und Siemens, haben bereits die permanente des Stärkung des Teleworking angekündigt. Der Social-Media-Riese Pinterest war bereit, 90 Millionen US-Dollar für die Kündigung eines Vertrags über beinahe 50'000 Quadratmeter Bürofläche auf den Tisch zu legen – mit Hinweis auf die Zukunft von Remotearbeit.

In der Schweiz sind die Umwälzungen zwar spürbar, wenn auch weniger ausgeprägt als in anderen Gegenden der Welt. Die UBS etwa beschied der «Handelszeitung», dass ein Drittel ihrer Belegschaft Homeoffice-fähig sei – und zwar bereits seit 2009, angesichts des damaligen Bedrohungsszenarios durch die Schweinegrippe! Seither hat die Musterschülerin Schweiz zumindest einen Teil der Hausaufgaben gemacht. Dass die Schwelle ins Homeoffice für viele Unternehmen und Arbeitskräfte niedriger liegt als anderswo, federte die schwersten Einschläge der Pandemie im internationalen Vergleich ab. Nicht zuletzt deshalb zogen etwa Konjunkturanalysten der Credit Suisse im September eine durchwachsene Bilanz, wenn auch durchsetzt mit Lichtblicken.

Arbeitslosenraten um 4 Prozent, wie sie bis 2021 vorausgesagt werden, würden andere Länder mit Handkuss nehmen. Die Kurzarbeitsentschädigung limitierte den Einbruch der Haushaltseinkommen auf unter 5 Prozent, die BIP-Prognose geht von einem Minus von 4 Prozent für das Jahr 2020 ein. Gleichzeitig sparten Haushalte während des Lockdowns laut CS rund 8 Milliarden Franken ein, die nach einer Entspannung der Lage wieder in den Konsum flössen und die wirtschaftliche Erholung begünstigten.

Doch auch in der Schweiz ringen wirtschaftlich schwächer gestellte Arbeitnehmende oder Menschen mit Migrationshintergrund um den Anschluss an die schöne neue Arbeitswelt im Homeoffice. Zudem gibt es Hinweise, dass Frauen Leidtragende der neuen Arbeitskultur sein könnten. Der Druck, Homeoffice plus unentschädigte Haushaltsarbeit, Kinder- und Betagtenbetreuung unter einen Hut zu bringen, werde überdurchschnittlich auf die Schultern der Frauen abgewälzt. Die Konsequenz: Mehrheitlich sind es Frauen, die in der Pandemie bei Karriere und Beruf zurückstecken und den professionellen Anschluss zu verlieren drohen.

Erste Studien etwa von McKinsey Global aus dem vergangenen Juli bestätigen diesen Befund. Die berufliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Geschlechter hat in der Pandemie einen Rückschlag erlitten – nicht trotz der Verlagerung ins Homeoffice, sondern gerade darum! Auf die Unternehmensbilanz mögen sich gesunkene Ausgaben für Mieten und Infrastruktur, weniger Reisen und Pendeln, Wartungs- und Betriebsaufwand positiv auswirken. Auf die Umweltbilanz ebenfalls. Gut möglich, lassen sich ein Teil von Unternehmensprozessen und -abläufen schlanker und effizienter im digitalen Heimbüro erledigen. Die Konsequenzen auf wirtschaftlich bereits schwächer gestellte Bevölkerungsschichten indes scheinen ernst. Um zu verhindern, dass sie ins Prekariat abrutschen, sind Initiativen im Bereich digitaler Entwicklungshilfe gefragt. Sonst steigt das Risiko, dass die digitale Schere sich weiter öffnet – und mit ihr sozioökonomische Ungleichheit.

In welchem Mass hier staatliche, nicht staatliche sowie Massnahmen der privaten Hand zur Förderung von Internet- und Homeoffice-Zugang gefordert sind, ist derzeit eine offene Frage. Sicher indes ist: Die Lösung für Probleme durch digitale Ungleichheit kann nur über mehr Digitalisierung erfolgen. Wenn möglich, bevor die Schere auseinanderbricht.