DAS MAGAZIN ZU DEN
4. SCHWEIZER DIGITALTAGEN
1. BIS 3. NOVEMBER 2020

Schweiz 4.0
WIR SIND DRIN.

Die Schweizer Digitaltage

International

Sponsored

Homeoffice

Digitaltage Schweiz 2020

Krake & Co.

Die Internet-Giganten Google, Amazon, Facebook, Apple (GAFA) binden uns und unsere Daten immer stärker an ihre Plattformen. Besserer Service vs. private Freiheit?

Imago

Von Marc Neumann

«Nur Fliegen ist schöner», das geflügelte Wort einer Opel-Werbung aus dem Jahr 1968, stimmt seit der Corona-Krise nicht mehr. Geschlossene Grenzen, Quarantäne und die Angst, dem neuartigen Coronavirus zu begegnen, haben Flugreisenden die Lust am Abheben gründlich verdorben – und den Fluggesellschaften das Geschäft.

Womöglich brauchen sie das gar nicht mehr. Das legte unlängst ein Bericht in der «Financial Times» nahe. Danach liegt der eigentliche Wert der Airlines nicht mehr in ihren Flugzeugen und ihrem operativen Geschäft. Vielflieger- und Prämienprogramme schlagen mit einem Vielfachen davon zu Buche. So ist etwa das AAdvantage-Programm von American Airlines 26 Milliarden US-Dollar wert, die Fluglinie selbst derzeit noch deren sechs. Ähnlich sieht es bei anderen krisengeschüttelten Fluggesellschaften aus: Sie weisen ihre Loyalitätsprogramme als Deckungssicherheit für Kredite aus.

Damit sind Fluglinien nicht mehr primär Transportdienstleister, sondern über Partnerschaften mit Kreditkartenfirmen und anderen Unternehmen zum Händler von Daten und Kundenprofilen mutiert. Wie so ziemlich jedes digitale Unternehmen sind Fluglinien Teil einer neuen Wirtschaft, in der die Konsumentendaten selbst zur Ware werden. Nach dem Vorbild von Technologiepionieren wie Google, Amazon, Facebook oder Microsoft suchen, sammeln und ernten sie auf Apps Daten, die Aufschluss über das Verhalten von Konsumenten geben.

Das heisst aber auch: Der digitale Fussabdruck von Bürgern wird im Netz auf Schritt und Tritt verfolgt und überwacht. Wird uns damit besser gedient, oder sind unsere Autonomie und Freiheit in Frage stellt?

Dieser Überwachungskapitalismus, wie ihn Harvard-Professorin Shoshana Zuboff in ihrem viel beachteten Wälzer «The Age of Surveillance Capitalism» nennt, entsteht zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Hatte die Suchmaschine Google ursprünglich den Zweck, ihren Anwendern durch die Suchfunktion das Leben im Internet zu vereinfachen, merkte der Tech-Gigant alsbald, dass die Suchläufe der Anwender selbst wertvolle Information zu Konsumverhalten und -vorlieben enthielten – eine marktforscherische Goldgrube. So konnte Google fortan seinen Anwendern Werbung gezielter ausspielen und Konsumenten intelligent in Richtung bestimmter Produkte steuern. Seither sucht Google nicht mehr nur für uns, sondern auch nach uns. Geschäftsmodell Datenkrake.

Der Zorn der Omas: Vor dem Firmenhauptsitz von Facebook im kalifornischen Menlo Park rufen die «Raging Grannies» zu höherem Konsumentenschutz und mehr Online-Privatsphäre auf.
Getty

Auch Facebook, Amazon und andere Internetunternehmen machten das Schürfen und Raffinieren des Rohstoffs Daten über User-Verhalten zum Kerngeschäft – um Werbern und Produkteanbietern quer über verschiedene Plattformen den bestmöglichen Zugang zum Idealkunden zu gewähren. Die Folge sind die unheimlichen Momente, wenn Suchbegriff oder Thema eines Facebook-Chats urplötzlich als Online-Werbung oder Produktangebot auf einer völlig anderen Webseite oder App auftaucht. Viele Menschen empfinden das als Eindringen in ihre Privatsphäre. Big Brother schaut zu.

Möglich macht dies immer derselbe Kuhhandel. Er lässt sich schön am englischen Wort «free» festmachen. Es heisst bekanntlich frei, aber auch gratis. Anwendern wird eine Dienstleistung (Suchfunktionen, Apps, virtuelle Assistenten wie Alexa, Nutzung einer Plattform in sozialen Medien) kostenlos zur Verfügung gestellt. Im Gegenzug geben User mit der Unterzeichnung der allgemeinen Geschäftsbedingungen ihre persönlichen Daten frei.

Das scheint oftmals ein guter Deal, verspricht er doch Bequemlichkeit, einfache Kommunikation mit anderen Menschen, Zugang zu Information oder die gesteigerte Effizienz von Dienstleistungen. Geben User Fluglinien etwa ihre biometrischen Daten, vermindern sie die Wartezeit bei Check-in und Security, sparen Zeit und Nerven. Der Preis dafür scheint verschwindend klein, ist es aber keineswegs: Bio-, geo- und demografische Daten, Medienpräferenzen, Interaktionen und emotionale Reaktionen wie Likes, GIFs, Emojis, selbst Kommentare und Interpunktion lassen sich in der digitalen Sphäre statistisch erfassen und in Form von Nutzerprofilen auswerten. Letztere wiederum lassen sich allen möglichen kommerziellen Zwecken, Zielen, Prognosen und entsprechenden Angeboten zuordnen. Sie sind die Grundlage des digitalen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts.

Das ist so lange von Vorteil, als diese Angebote so transparent und fair bleiben, dass User bei der Produktewahl Optionen haben. Nur ist das auf Plattformen von Amazon bis Google nicht immer gegeben. Konkurrenten werden geblockt, Angebote gegen Bezahlung bevorzugt platziert. Konsumenten-User erhalten eine kuratierte Liste zur Auswahl – oft ohne ihr Wissen. Das ist nicht nur eine mögliche Wettbewerbsverzerrung und Monopolisierung. Die Beschränkung der Freiheit von ahnungslosen Konsumenten ist ethisch fragwürdig. Wenn diese zudem auf spezifische digitale Dienstleistungen im Gesundheits- oder Versicherungssektor angewiesen sind, haben sie noch weniger Mittel, ihre privaten Daten zu schützen.

No Entry: Demonstranten blockieren den Eingang eines Apple-Geschäfts in Hongkong.
Getty

Wie weit die Zweckentfremdung persönlicher Daten gehen kann, zeigt das viel zitierte Beispiel von Cambridge Analytica (CA). Die Meinungen darüber, wie erfolgreich das Unternehmen mit seinem Micro-Targeting von Wählern bei der Beeinflussung der US-Präsidentschaftswahlen 2016 tatsächlich war, gehen auseinander. Bei der Einschätzung des Geschäftsmodells von CA herrscht dagegen Einigkeit. Wer von Facebook 87 Millionen von persönlichen Datensätzen abzieht und fein abgestimmte Psychogramme erstellt, um politische Zielgruppen gezielt bewerben zu können, macht unlautere Politpropaganda. Dementsprechend verstört reagierten Regulierer und Öffentlichkeit, als die Machenschaften von CA ans Licht kamen.

Mittlerweile ist Schwung in die regulatorischen Bemühungen gekommen. In den USA müssen die CEOs von Facebook, Google, Apple und Amazon regelmässig zu Hearings von Kongressabgeordneten antraben, sogar eine Zerschlagung der Internet- Giganten wird diskutiert. Schliesslich hätte es «solche Monopole zuletzt zur Zeit der Ölbarone gegeben».

Auch die Section 230 des Communications Decency Act aus dem Jahr 1996, die es Online-Unternehmen ermöglicht, jenseits der Verpflichtungen von Verlagen und Medien zu operieren, wird in Frage gestellt. Das ist insofern von Bedeutung, als Section 230 weitgehend Freiheit bei der Schaltung von Inhalten lässt, welche sie überhaupt erst attraktiv macht.

New Yorker gegen Amazon: Protestaktion gegen das Jeff-Bezos-Imperium.
Getty

In der EU weht den GAFA-Unternehmen beim Datenschutz ein steifer Wind entgegen, aber nicht nur dort: Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager brummte Google drei Bussen in der Rekordhöhe von insgesamt 8,25 Milliarden Euro auf, weil das Unternehmen seine marktbeherrschende Position ausnutzte. Im Vergleich kam Apple in Frankreich mit 1,1 Milliarden für wettbewerbsschädliches Verhalten glimpflich davon.

Das Powerplay funktioniert aber auch umgekehrt: Auf die Weigerung, die Weitergabe der Nutzerdaten seiner 410 Millionen europäischen Anwender in die USA zu erlauben, reagierte Facebook unlängst mit der Drohung, sein Geschäft aus Europa abzuziehen. Neben der Peitsche geben die GAFAs auch Zuckerbrot, etwa mit der Lancierung von Finanzierungsprogrammen für Medien und verwandte Technologieanbieter. Dementsprechend werden auch die User und Bürger hellhörig, wenn es um den Schutz ihrer Privatsphäre und Konsumentenfreiheit geht.

Erstmals auf die klammheimlichen Datenstaubsauger sensibilisiert wurde die Öffentlichkeit durch die Enthüllung der Machenschaften der National Security Agency durch Edward Snowden im Jahr 2013. Der Whistleblower detaillierte mehrere digitale Spionage-Programme der US-Geheimdienste. Der Aufschrei war zu Recht gross, nicht zuletzt auch über Details einer Serverfarm in Salt Lake City, dem Utah Data Center, wo viele der Datensätze angeblich gelagert wurden. Gemäss Medienberichten bot das Datenzentrum Speicher- und Verarbeitungskapazitäten von fünf Zettabytes, in etwa der Menge der global produzierten Daten im Jahr 2013. Ein Zettabyte entspricht 1021 Bytes, also einer 10 mit 21 Nullen bzw. einer Billion Gigabytes. Mittlerweile schätzt die International Data Corporation die weltweite Datensphäre auf rund 50 Zettabytes. Bis 2025 soll sie auf 175 anwachsen.

Das sind schwerlich begreifbare Dimensionen und Indiz dafür, dass die Datensammlung auch in Zukunft steter Begleiter unseres digitalen Lebens bleibt. Genau wie die Frage, wie wir dies mit unserer persönlichen Freiheit unter einen Hut bringen.