DAS MAGAZIN ZU DEN
4. SCHWEIZER DIGITALTAGEN
1. BIS 3. NOVEMBER 2020

Schweiz 4.0
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Die Schweizer Digitaltage

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Digitaltage Schweiz 2020

«Weil man musste, konnte man plötzlich»

Bundeskanzler Walter Thurnherr ist verantwortlich für die Strategie «Digitale Schweiz». Wie sieht diese aus? Wo hat die Schweiz Nachholbedarf? Und was hat das mit Gott, dem Schneider und einer Hose zu tun?

Von Fabian Zürcher

Was ging Ihnen als oberstem Digitalisierer des Landes durch den Kopf, als Sie hörten, dass beim BAG Faxe auf die Waage gelegt werden, um die Covid-19-Fallzahlen zu bestimmen?

Gemäss meinen Informationen wurden die positiven Fallzahlen im BAG – im Gegensatz zur Viel­zahl an negativen Befunden – stets gezählt und nicht gewogen. Die Erkenntnis, wonach im Gesundheitsbereich ein «digitaler Nachholbedarf» besteht, ist jedoch deutlich älter als die Covid-Krise. Spätes­tens seit der Diskussion um das elek­tronische Patientendossier weiss man, wie viele Player in dieser Branche noch mit dem Faxgerät kommunizieren.

Und was, als das Parlament auf dem Höhepunkt der Corona-Krise die Frühlings-Session abbrach? Unter­nehmen und Hochschulen etwa organisierten sich virtuell.

Gut, das Streaming einer Vorlesung ist schon noch etwas anderes als die Organisation einer digitalen Session von Nationalrat und Ständerat, mit Differenzberei­nigung, ständig wechselnden Fahnen, Kommis­sionssitzungen, geheimen Abstimmungen und Einigungs­kon­ferenzen. Aber es sind in der Zwischenzeit mehrere parlamen­tarische Initiativen eingereicht worden. Parlament und Parlamentsdienste werden sich mit virtuellen Sitzungen auseinandersetzen.

Arbeiteten Sie selbst im Homeoffice? Gibt es zu diesem Thema beim Bund eine Regelung?

Ja, aber nur am Wochenende. Im Frühling haben wir grosse Teile der Verwaltung von zu Hause aus arbeiten lassen können. Das hat sehr geholfen. Und nein, es gibt zum Glück keine scharfe bundesweite Regelung. Hier sollten vor allem der gesunde Menschen­verstand und die spezifische Arbeits­situation den Ausschlag geben.

Corona war verantwortlich für einen veritablen Digitalisierungsschub. Wo hat die Verwaltung die grössten Fortschritte gemacht?

Der Digitalisierungsschub hat in erster Linie in den Köpfen stattgefunden. Weil man musste, konnte man plötzlich. Und ab und zu ging es sogar besser als vorher. Technisch wurden in kürzester Zeit die Kapazitäten für den Zugriff auf die Systeme vervielfacht. Zudem wurden neue Internet-Anwendungen zur Verfügung gestellt, deren Einführung sonst Monate gedauert hätte.

Wo ist noch am meisten zu tun?

Rechtlich ist die Bundesverwaltung im Wesentlichen organisiert wie noch vor hundert Jahren. Faktisch haben sich jedoch die Anforder­ungen und damit die Formen der Zusammenarbeit innerhalb der Verwaltung gewaltig verändert. Die wichtigsten Themen, Probleme und Prozesse – Sicherheit, Umwelt, Europapolitik, überhaupt Aussen­politik, Finanzpolitik etc. – sind heute departementsübergreifend und können nicht mehr ausschliesslich in einem der sieben Silos bearbeitet werden. Die Digitalisierung bietet insbesondere die Möglichkeit, die departementsübergreifenden Prozesse zu gestalten und effizient zu bearbeiten, das Wissen bundesweit besser zu teilen, Fachanwendungen zu vernetzen und die Endkunden, die Bürgerinnen und Bürger, die Unternehmen usw., schneller und umfassender zu bedienen. Da haben wir noch viel Arbeit vor uns. Kurzfristig müssen wir die Entscheidungswege in der Verwaltung verkürzen, damit wir die Vielzahl an Fragen und Problemen der Digitalisierung so rasch und kompetent wie möglich klären können.

Von wem lernen Sie?

Es gibt an unseren Universitäten, in der Wirtschaft und in Verwaltungen anderer Länder hervorragende Köpfe. Wir pflegen viele Kontakte und ver­suchen zu lernen, wo wir können.

Zur Person

Als Bundeskanzler ist Walter Thurnherr (56) verantwortlich für das Kompetenzzentrum des Bundes für Fragen der Digitalisierung. Thurnherr wuchs in Wohlen AG auf und studierte theoretische Physik an der ETH Zürich.

Vor seiner Wahl zum Bundeskanzler im Dezember 2015 war der CVP-Mann zuerst Diplomat (unter anderem in Moskau) sowie in drei verschiedenen Departementen Generalsekretär: im Aussendepartement (EDA), im Volkswirtschafts­departement und im Departement Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek).

Er lebt zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Sigriswil BE am Thunersee.

Wie beurteilen Sie die digitale Fitness des Landes?

Eigentlich gar nicht so schlecht. Bei der digitalen Infrastruktur sind wir gut aufgestellt. Wir müssen nur aufpassen, dass wir angesichts des schnellen Wachstums an Daten und Ansprüchen an die Datenübermittlung den notwendigen Ausbau nicht verschlafen. Im Bereich E-Government könnte es natürlich besser sein, aber wir haben dank eines föderalen, bürgernahen analogen Systems auch weniger Handlungsdruck. Prioritär ist derzeit bestimmt die Einführung der E-ID. Im Bereich der Cyber­security müssen wir aufholen, wie andere Länder auch. Aber alles in allem nutzen sehr viele Schweizerinnen und Schweizer die Möglichkeiten der Digitalisierung. Und die Corona-Krise hat gezeigt, dass
dies entscheidend sein kann.

Das Kompetenzzentrum des Bundes für Digitalisierung ist ab 1. Januar 2021 bei der Bundeskanzlei angesiedelt. Was ist Ihre Vision der digitalen Schweiz?

Die Digitalisierung ist die Folge einer technologischen Entwicklung, die weltweit stattfindet. Und die Schweiz wird sich entscheiden müssen, wie sie diese Entwicklung nutzen will. Sie wird das auf die ihr eigene Art ausjassen, und das ist auch gut so. Meine persön­liche Vision betrifft eher diesen Prozess als den Endzustand. Denn für meinen Geschmack könnten die dafür notwendigen Debatten etwas nüchterner ausgetragen werden. In den letzten zwei, drei Jahren haben sie zuweilen Züge eines gereizten Glaubensstreits angenommen. Überzeugungen sind schon gut, aber man sollte sie dann auch gut begründen können. Schliesslich gilt auch hier: «The holier the cause, the more devilish the end.»

Was sind die grössten Herausfor­derungen bei der digitalen Trans­formation?

Die Herausforderung besteht darin, die Entscheidungen früh genug zu fällen. Bei vielen Dingen der Digitalisierung kann und soll man sich Zeit nehmen. Bei der Cyber-Sicherheit, aber auch bei gewissen Innovationen oder bei der Schaffung von Rahmenbedingungen, die Innovationen zulassen, kann man aber auch zu spät sein, und man bezahlt einen hohen Preis. Hier eine Priorisierung vorzunehmen, die man später nicht bereut, ist eine schwierige Angelegenheit.

Hand aufs Herz: Geht Ihnen das alles nicht viel zu langsam?

Ja und nein. Natürlich wünsche ich mir da und dort eine schnellere Gangart. Auf der anderen Seite: Sie kennen vielleicht die Geschichte von jenem Schneider, der einen Kunden wochenlang auf die bestellte Hose warten lässt. Der erzürnte Herr weist deshalb den Schneider bibelkundig darauf hin, dass Gott nur sieben Tage zur Erschaffung der ganzen Welt brauchte. Darauf antwortete der Schneider: «Aber, mein Herr, sehen Sie sich doch die Welt an, und sehen Sie da Ihre Hose!» In der Schweiz geht zwar vieles etwas langsamer, aber am Schluss kommt es oft gar nicht so schlecht heraus.

Mehr als jeder zweite Einwohner will die Swiss-Covid-App aus Datenschutzgründen nicht installieren. Verständlich?

Skurril wird es zumindest dann, wenn sich dieselben Personen auf Plattformen bewegen, von denen man weiss, dass sie alle möglichen Daten absaugen. Nach meiner Einschätzung ist gerade der Datenschutz auf der Swiss-Covid-App sehr gut umgesetzt.

Sie betreiben einen erfrischend nerdigen Twitter-Account. Wie kamen Sie dazu?

Auf meinem Twitter-Account verbreite ich fast nur Links und Hinweise zu mathematischen oder physikalischen Fragen. Oft finde ich das witziger oder unterhaltsamer als Politik. Und Letztere ist oft schwieriger zu verstehen.

Überwiegen bei Social Media die positiven oder die negativen Seiten?

Trotz allem die positiven Seiten. Zweifellos: Soziale Medien polari­sieren die Gesellschaft. Und sie machen abhängig. Auf den Platt­formen regieren die Launen statt die Überlegungen. Soziale Medien nutzen mit komplexesten Algorithmen unsere Schwächen aus, um unsere Aufmerksamkeit zu behalten, damit ihre Werbeeinnahmen weiter steigen. Und das alles sieht man auch in der Schweiz: Die Zahl jener Nutzer, die mit dem Selbst­bewusstsein des Stubenhockers zweimal täglich die Welt, die Nation und die virtuelle Nachbarschaft aburteilen, hat bei uns deutlich zugenommen. Aber soziale Plattformen vermitteln auch viele neue Einsichten. Sie vernetzen Personen, die sich sonst kaum kennenlernen würden. Sie werden erfolgreich zur Kommunikation wichtiger Anliegen und Entwicklungen eingesetzt, und sie sind für viele Menschen – denken Sie an die dritte Welt – ein unerhörter Fortschritt und ein Tor zu Wissen und Weiterbildung.

Sollten Facebook und Co. Ihrer Meinung nach zerschlagen werden?

Die Dominanz globaler, digitaler Plattformen gibt einem natürlich zu denken. Aufgrund der Netzwerk­effekte ist es für neue Herausforderer sehr schwierig, gegen die bestehenden Player anzutreten. Eine Regulierung dürfte oder müsste jedoch international erfolgen. Allenfalls wird es auch technische Entwicklungen geben, die die Vormachtstellung der Grossen auf einen Schlag ins Wanken bringt.

Gut vernetzt: Bundeskanzler Walter Thurnherr in seinem Büro im Bundeshaus.
Gerry Nitsch

Trump hat sich beim chinesischen TikTok radikal eingemischt, die Ruag sah sich einem russischen Hacker-Angriff ausgesetzt – wie kann sich die kleine Schweiz im Cyberspace in Zukunft behaupten?

Schweizerische Unternehmen werden täglich und von allen Seiten angegriffen. Sich hier zu behaupten, wird eine permanente Aufgabe bleiben. Ein einfaches Rezept gibt es nicht. Aber die Zusammenarbeit mit der Forschung und anderen Staaten dürfte dabei entscheidend sein.

Sind die politischen Prozesse in der Schweiz stabil genug, um gezielter Desinformation aus dem Ausland zu widerstehen – oder sind wir für fremde Mächte einfach nicht interessant genug?

Unser politisches System hat den Vorteil, dass es sehr föderal organisiert ist. Nationalratswahlen zu beeinflussen, dürfte schwierig sein. Hingegen würde ich es nicht ausschliessen, dass auch hierzulande der Versuch gemacht wird,
im Vorfeld einer Abstimmung das Umfeld mit falschen Meldungen zu vergiften. Bekanntlich sind die gefährlichsten Lügen die leicht verzerrten Wahrheiten. Und solcherlei kann man auch in der Schweiz gut in Umlauf bringen.

Warum kommt die Schweiz beim Thema E-Voting gefühlt nicht vorwärts?

Beim E-Voting muss eine sorgfältige Abwägung stattfinden. Sicherheit ist wichtiger als Tempo. Zurzeit sind wir daran, den Versuchsbetrieb neu zu gestalten. Der Bund setzt bewusst hohe Anforderungen. Bis jetzt fehlt ein System, das diesen Anforderungen genügt.

Spaltet oder eint die Digitalisierung die Gesellschaft?

Sowohl als auch. Die einen entzweit es, die anderen bringt es zusammen. Das ist an sich noch nicht schlimm. Ein Problem entsteht erst dann, wenn Einzelne glauben, sie müssen sich deswegen die Köpfe einschlagen. Das hat aber mehr mit den Werten zu tun, die man ­mitbekommt oder eben nicht. Georg Lichtenberg sagte einmal: «Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinschaut, so kann kein Apostel herausgucken.» Dasselbe gilt auch für das Internet.

Was ist Ihre grösste Hoffnung bezüglich Digitalisierung?

Dass man die Chancen nutzt. Dass man nicht nur zuschaut, sondern auch gestaltet. Die Schweiz kann sich in dieser Beziehung meines Erachtens auch international glaubwürdig einbringen.

Was Ihre grösste Angst?

Es ist schon etwas bedenklich, dass viele – nicht nur junge – Leute sich zurzeit keinen grösseren Schock des Ausgeschlossenseins vorstellen können als den Verlust des eigenen Handys. Was vor ein paar Hundert Jahren die Exkommunikation war, ist heute der versperrte Zugang zum Internet. Da könnte sich der eine oder die andere wieder etwas mehr an den fassbaren Realitäten des Lebens orientieren, ohne dass dabei ein grösserer Schaden entstünde.

Was machen Sie nach wie vor lieber analog?

Bücher lesen, Freunde sprechen und Cremeschnitten essen.

Ihre Lieblings-App?

«VoteInfo» – die App der Bundeskanzlei mit Informationen zu den Abstimmungen. Und «Swisstopo» vom Bundesamt für Landestopo­grafie – «MeteoSchweiz» brauche ich auch sehr oft.

Reden Sie mit Siri, Alexa oder Google?

Nein, das kommt nicht gut.

Apple oder Android?

Zurzeit Apple.

Haben Sie Ueli Maurer beim Installieren der Swiss-Covid-App geholfen?

Sie haben BR Maurer nicht durchschaut. Er ist ein Fuchs und wusste, wie man die Bekanntheit der Swiss-Covid-App am besten steigern kann. (lacht)