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4. SCHWEIZER DIGITALTAGEN
1. BIS 3. NOVEMBER 2020

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Homeoffice

Digitaltage Schweiz 2020

Zurück in die Zukunft?

Frau, Mann, Kinder – alle sind daheim. Zementiert flexibles Arbeiten traditionelle Rollenbilder oder ist es die ersehnte Chance? Digitalisierung als Katalysator familiärer Gleichstellungsfragen.

Keystone

Von Leoni Hof


Seitdem weniger Flugzeuge aufsteigen, lässt sich das Wetter nicht mehr so genau vorher­sagen: Linienflugzeuge liefern der Weltorganisation für Meteorologie entsprechende Daten. Erhält diese weniger davon, ähnelt der Wetter­bericht einem Ratespiel. Alles hängt mit allem zusammen. Die Corona-Pandemie erinnert uns daran.

Eine andere aktuell wirksame Kettenreaktion ist die von Homeoffice auf die Gleichstellung der Geschlechter. Die Ansichten darüber sind so uneindeutig wie die Grosswetterlage. Im Sommer ging ein Aufschrei durch die sozialen Netzwerke. Von einem Rückschritt in die Fünfziger war die Rede. Dabei ging es nicht um Nierentische und Käse-Igel, sondern um die Rolle der Frau. Es war die deutsche Soziologin Jutta Allmendinger, die sagte, dass Corona den erreichten Fortschritt in Sachen Gleichstellung um drei Jahrzehnte zurückgeworfen, die Frauen zurück an den Herd gezwungen habe. Und auch Kathrin Bertschy, hiesige Co-Präsidentin bei Alliance F und Nationalrätin der Grünliberalen, stimmte ein: «Die Corona-Krise hat gezeigt, dass die Schweiz in einer Ausnahmesituation rasch in alte Rollenmuster zurückfällt.»

Doch worum geht es konkret? In einer vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann in Auftrag gegebenen Studie wird festgehalten: «Zu Zeiten der Schulschliessungen, in denen die Fremdbetreuung vollständig ausfiel, waren es die Frauen, die zurückstellen mussten.» Genauer gesagt: Die Mütter hatten weniger Kapazitäten für ihren Job. Weil dem besserver­dienenden Partner der karrieremachende Rücken freigehalten wurde, weil sie allein­erziehend sind oder der Meinung, Kind und Haushalt besser unter einen Hut zu kriegen.

Die Ergebnisse der Schweizer Erhebung stehen dabei mit internationalen Studien im Einklang. Nun übernahmen Frauen aber schon vor Corona einen Grossteil der un­bezahlten Care-Arbeit – für Kinder, Verwandte, den erweiterten Freundeskreis. Der Lockdown verschärfte die Situation, zu diesem Schluss kommt die deutsche Hans-Böckler-Stiftung: Nur noch 62 Prozent der Paare, die zuvor die Sorge um Haushalt und Kind gerecht aufteilten, erhielten dies während des Lockdowns (und darüber hinaus?) aufrecht. Was das langfristig heisst, muss sich zeigen. Kurzfristige Effekte zeigen sich bereits in der Wissenschaft: Die Produktivität von Wissenschaftlerinnen sank eklatant – #coronapublicationgap.

Die Digitalisierung ist die perfekte Komplizin auf dem Weg zur Gleichstellung

An dieser Stelle sei die Frage erlaubt, ob denn die Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung vor dem Lockdown tatsächlich so deutlich waren. Der Gender-Pay-Gap ist so wenig überwunden wie die (rhetorische) Frage, welcher Teil eines Elternpaares dafür prädestiniert ist, sich ums gemeinsame Kind zu kümmern: Gerade erst bekannte man sich in der Schweiz zum Vaterschaftsurlaub – als europäisches Schlusslicht. Interessant wäre zu erfahren, ob die zuletzt verbrachte Familienzeit Väter verstärkt zur Annahme der Volksabstimmung brachte. Spannend ist auch, wie sehr die Gespräche im Bekanntenkreis von dem abweichen, was Konsens in Sachen Homeoffice und Gleichberechtigung zu sein scheint: In vielen Fällen wurde die Kinderbetreuung geteilt und jeweils neu ausgehandelt, für wen der nächste Video-Call wichtiger ist.

Viele der in diesem Land so gern Vollzeit arbeitenden Väter bemerkten, was es daheim alles zu tun gibt. Und dass man sich da vielleicht auch in Zukunft einbringen müsste. Viele verbrachten erstmals wirklich Zeit mit der Familie und möchten das nicht mehr missen. Weil ihnen bewusst wurde, was ihnen sonst entgeht. Und weil hoffentlich auch die Mütter merkten, dass das durchaus machbar ist und ihnen selbst mehr Luft verschafft. Für eigene Projekte oder auch nur, um mal durchzuatmen.

Wie langfristig und umfassend dieser Effekt jedoch ist, bleibt abzuwarten. Und den Müttern ist zu
raten: Bitte mehr Ansage ans Gegenüber statt Bananenbrot. Bilder vom selbst kreierten Backwerk fluteten in diesem Sommer die Timelines. Wie auf ein geheimes Kommando wurde gebacken, eingemacht und gewienert. Primär Frauen wurden plötzlich dort aktiv, wo die Vertreter traditioneller Rollenvorstellungen sie gern sehen.

Dabei könnte gerade das Homeoffice und die zunehmende Akzeptanz flexiblen Arbeitens eine Chance für sie sein. Arbeitsabläufe werden agiler, Hierarchien flacher und das Vernetzen, eine weibliche Kernkompetenz, einfacher und globaler. Ein einfaches Beispiel: Durchs Homeoffice entfallen Arbeitswege und Dienstreisen, was dem bis dato weniger involvierten Partner gestattet, sich mehr bei der familiären Sorgearbeit einzubringen. (Dies nur am Rande: Die falsche Partnerwahl ist für die Gleichberechtigung sehr wahrscheinlich verheerender als jeder Lockdown.)

Tatsächlich kann durch die Digitalisierung der Arbeit, durch deren Entwicklung hin zu fliessenderen Übergängen, die Welt eine gerechtere werden. Eine, in der sich Vereinbarkeit und Gleichstellung neu denken und umsetzen lässt. Dafür braucht es zwar mehr als nur die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Doch – und das wird etwa die deutsche Wirtschaftsexpertin Henrike von Platen nicht müde zu betonen: «Die Digitalisierung ist die perfekte Komplizin auf dem Weg zur Gleichstellung.» Wenn man sie sich zunutze macht.