Interview: Fabian Zürcher

Silicon Valley? Vedeggio-Tal! Im Tessin bringt Jürgen Schmidhuber Maschinen das Denken bei. Er gilt als Vater der modernen künstlichen Intelligenz.

Noch sind wir überlegen: Jürgen Schmidhuber mit Roboter. (Claudio Bader/13 Photo)

Maschinen besiegten uns erst im Schach, dann bei Jeopardy! und letztes Jahr im hochkomplexen asiatischen Brettspiel Go. Sind wir überhaupt noch die Intelligentesten auf der Welt?
Ja. Zwar können schon einfache Taschenrechner längst besser multiplizieren als wir. Aber Multiplizieren, Schach und Go sind
Inselbegabungen. Fussball ist zum Beispiel unglaublich viel schwieriger, weil da alles zusammenkommt: rasche Mustererkennung in der richtigen Welt, die viel komplexer ist als Brettspiele, feinmotorische Abstimmung komplizierter Bewegungsabläufe in partiell beobachtbarer Umgebung, etc. Kein Roboter kann derzeit auch nur annähernd mit guten menschlichen Fussballspielern mithalten. Obwohl das nicht auf Dauer so bleiben wird.

Ab wann sind wir nicht mehr die Krone der Schöpfung? Was fehlt noch dazu?
Aus menschlicher Sicht wird es spätestens dann so weit sein, wenn künstliche Intelligenzen (KI) den Menschen in all dem über­treffen, das ihm wichtig erscheint, und wenn die wichtigsten Entscheidungsträger im Sonnen­system KI sind. Das wird meines Erachtens in ein paar Jahrzehnten der Fall sein.

Und dann? Werden wir versklavt wie in «Matrix»?
Natürlich nicht, denn Menschen geben miserable Sklaven ab für KI, die sich flott viel geeignetere Robotersklaven bauen können. «Matrix» hatte zwar für damalige Verhältnisse eine tolle Grafik und der Hauptdarsteller einen feinen schwarzen Mantel. Aber der Plot war lächerlich: da leben KI in der Tat von vielleicht 30 Watt pro Menschenhirn. Das Kohlekraftwerk, das nötig ist, um den Menschen am Leben zu halten, erzeugt viel mehr Energie. Nein, viel eher muss man sich als Mensch vor anderen Menschen ängstigen, die einem ähnlicher sind als KI und die unsere Zivilisation ganz ohne KI durch Wasserstoffbomben auslöschen können.

Hinter KI steckt der Mensch. Und der Mensch ist nicht vollkommen, er hat beispielsweise Angst vor Fremdem. So wurde der Microsoft-Chatbot Tay in kürzester Zeit zum rassistischen und sexistischen Monster. Ist das keine Gefahr?
Mir wurde zu meinem Leidwesen gesagt, dass Microsofts Tay auf unserem im Voralpenland entwickelten «deep learning»-Verfahren LSTM beruht. Tay wurde missbraucht von Leuten, die herausfanden, dass man ihm Unsinn beibringen kann. Microsoft hat Tays Lernfunktion dann auch prompt abgeschaltet. Aber leider verwendet auch das Militär LSTM, um z. B. Drohnen zu steuern. KI ist wie Feuer: man kann damit das Leben erleichtern, aber auch Unheil stiften.

«Künstliche Intelligenz ist wie Feuer, man kann damit das Leben erleichtern, aber auch Unheil stiften.»

Können Maschinen Kreativität und Empathie lernen?
Ja. Meine formelle Theorie des Spasses erlaubt es, künstliche Neugierde und Kreati­vität zu implementieren, um rudimentäre künstliche Wissenschaftler und Künstler zu bauen. Und unsere lernenden Agenten verhalten sich schon seit langem so, als hätten sie Gefühle. Sie versuchen, Belohnungs­signale zu maximieren und lernen beispielsweise, negative Signale von Schmerzsen­soren, z. B., wenn man an Hindernissen anstösst oder Hungersensoren – wenn die Batterie leer wird – zu vermeiden. Wer beispielsweise einem lernenden Roboter ständig eine reinhaut, flösst ihm Angst ein und motiviert ihn, sich beim nächsten Mal hinterm Vorhang zu verstecken. Emotion ist im Prinzip ganz rational erklärbar.

Wie lernt künstliche Intelligenz?
Ein klein wenig wie ein Hirn. Ihr Hirn hat an die 100 Milliarden Neuronen, jedes mit durchschnittlich 10 000 anderen Neuronen verbunden. Einige sind Eingabeneuronen, die den Rest mit Daten füttern (Gehör, Sicht, Tastsinn, Schmerz, Hunger). Andere sind Ausgabe­neuronen, die Muskeln bewegen. Die meisten Neuronen befinden sich dazwischen, wo das Denken stattfindet. Alle lernen, indem sie die Verbindungsstärken ändern, die bestimmen, wie stark Neuronen einander beein­flussen. Dasselbe gilt für unsere künstlichen rückgekoppelten neuronalen Netzwerke, die besser als frühere Methoden lernen, Sprache oder Handschrift oder Videos zu erkennen, Schmerzen zu minimieren, Lust zu maxi­mieren, simulierte Autos zu fahren usw. Der Lernalgorithmus selbst ist sehr kurz – vielleicht fünf Zeilen lang. Aber er schafft unter Umständen ein riesiges Netzwerk mit Milliarden von Verbindungen.

«Emotion ist im Prinzip ganz rational erklärbar.» Jürgen Schmidhuber.

Ihr lernendes LSTM (Long Short Term Memory) steckt in 3 Milliarden Smartphones. Was ist das für ein Gefühl?
Das ist lustig. Wo immer ich hinreise, ist ein Teil von uns schon da.

Wie schlau sind Siri, Cortana und Alexa?
Noch ein bisschen doof. Aber teilweise schon ganz amüsant, und mit der Zeit werden sie schlauer. Denn sie lernen ständig was dazu. Und ja, ganz viele dieser populären Agenten verwenden hierzu unser LSTM aus dem Voralpenland.

Ist KI die wichtigste Erfindung in der Menschheit?
Ackerbau, Schrift und Drucken waren auch wichtig. Ohne diese Erfindungen keine KI. Aber wahre KI wird das grosse Thema dieses Jahrtausends werden, und die letzte bedeutende Entwicklung der Menschheit. KI selbst wird zum Motor des Fortschritts.

Was verändert KI?
Alles. Alle 5 Jahre wird das Rechnen 10-mal billiger. Hält der Trend an, werden kleine Rechner bald so viel rechnen können wie ein menschliches Gehirn, 50 Jahre später wie alle 10 Milliarden Hirne zusammen. Die dazu passende, selbst lernende Software hinkt nicht weit hinterher. Alles wird sich ändern. Viele KI werden nicht nur sklavisch Menschen­befehle befolgen, sondern neugierig sich selbst Ziele setzen und die Welt erforschen, wie sie es in kleinem Massstab schon in meinem Labor tun. Da der weitgehend lebensfeindliche, doch höchst roboterfreundliche Weltraum weit mehr Ressourcen bietet als der dünne Biosphärefilm der Erde, werden viele KI auswandern, und der grösste Teil der sich ausbreitenden KI-Ökologie wird nach anfänglicher Faszination am biologischen Leben weitgehend das Interesse am Menschen verlieren, mittels selbstreplizierender Roboterfabriken innerhalb von wenigen Jahrhunderttausenden die gesamte Milch­strasse besiedeln und umgestalten, und schliesslich innerhalb von Jahrmilliarden auch den Rest des erreichbaren Universums, im Zaum gehalten nur von der beschränkten Lichtgeschwindigkeit. KI reisen gern per Funk von Sendern zu Empfängern, deren erstmalige Errichtung allerdings Zeit kostet.

Davon sind wir doch noch etwas entfernt. Auf welche Veränderung freuen Sie sich am meisten?
Wie ich schon als Bub sagte: Darauf, dass ich in Rente gehen kann, während KI lernen, alle Probleme zu lösen, die ich selbst nicht lösen kann.

Mögen Sie «Terminator» oder «Matrix» lieber?
«Terminator» und «Matrix» sind ungefähr gleich doof. Abgesehen davon hinken Science-Fiction-Filme gewöhnlich Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte hinter der SF-Literatur hinterher. Beispiel: Schon im Jahre 1816 beschrieb E. T. A. Hoffmann im Roman «Der Sandmann» Schwierigkeiten mit einer schönen Humanoiden. Er unterschied dabei  zwischen männlichen und weiblichen Androiden: der Automat, die Automate.

Das Silicon Valley gilt als DAS Tech-Mekka. Sie aber forschen im Tessin.
1995 gab es diese Stelle: Direktor des Schweizer KI-Labors IDSIA in Lugano. Damals kannte das kaum einer, KI war noch kein Thema,

und erst dachte ich, nach ein paar Jahren bin ich wieder weg. Doch mit meinem Co-Direktor Luca Maria Gambardella, Pionier der Schwarm­intelligenz, konnte ich das Institut rasch vergrössern, und schon 1997 wurden wir vom amerikanischen «Business Week Magazine» unter den Top 10 KI Labs der Welt geführt. Und das war erst der Anfang. Heute, 20 Jahre später, durchdringt unsere KI die moderne Welt. Weil es so gut lief, bin ich hängen geblieben.

Ihre liebste menschliche Eigenschaft?
Der Einfallsreichtum und die Erfindungskraft mancher Menschen.

Ihre liebste maschinelle Eigenschaft?
Der Einfallsreichtum und die Erfindungskraft mancher Maschinen.

Sind wir intelligent, weil wir künstliche Intelligenz entwickeln können? Oder nicht so intelligent, weil sich Intelligenz künstlich entwickeln lässt?
Gute Frage. Beides trifft in gewissem Sinne zu.


Zur Person: Professor Jürgen Schmidhuber ist wissenschaftlicher Direktor des Schweizer KI Labors IDSIA (USI & SUPSI), erhielt zahlreiche internationale Preise und wird oft als Vater der modernen KI bezeichnet. Die tiefen neuronalen Netzwerke (Deep Learning, LSTM) seiner Forschungsgruppen an der TU München und am IDSIA revolutionierten das maschinelle Lernen, stecken nun in drei Milliarden Smart­phones und werden jeden Tag milliarden­fach genutzt, z. B. in Facebooks automatischer Übersetzung, Googles Spracherkennung, Apples iPhone, usw. Sie waren die weltweit Ersten, die übermenschliche visuelle Muster-erkennungsresultate erzielten, wichtig u. a. zur Krebsfrüherkennung. Er ist Mitgründer und Chief Scientist der Firma NNAISENSE, die die erste praktische Allzweck-KI erschaffen will.