Von René Lüchinger

Einfache Arbeiten können von Robotern über­nommen werden. Kreativität und Sozialkompetenz werden deshalb wichtiger. Also das, was uns zu Menschen macht.

Der kaufmännische Angestellte ist so etwas wie der personifizierte Schweizer Arbeitnehmer: gut ausgebildet, zuverlässig, das Gesicht eines Landes, welches sich in den vergangenen 200 Jahren vom Bauernstaat zum Industriestandort und von dort zur Dienstleistungsgesellschaft weiterentwickelt hat. Und einem KV-Stift mit Ehrgeiz zur Weiterbildung standen sogar die Teppichetagen einheimischer Unternehmen offen. Ein KV-Absolvent im Bereich Rechnungswesen, Informatik, Kundenbetreuung oder im Personalwesen konnte jedenfalls noch kurz vor der Jahrtausendwende in gutem Glauben davon aus­gehen, dank seiner soliden Ausbildung in seinem Berufsleben keine Probleme auf dem Arbeitsmarkt zu bekommen.

Dann bricht die Digitalisierung wie ein Tsunami über die Welt herein und löst das aus, was der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter schon Mitte des 20. Jahrhunderts als Kollateralschaden eines jeden technologischen Wandels identifiziert hat: «die schöpferische Zerstörung» von Dagewesenem, die Altes vernichtet und Neues entstehen lässt. Mittendrin in diesem Taifun: der kaufmännische Angestellte, mit jährlich rund 10 000 Lehranfängern noch immer die beliebteste Stifti in der Schweiz. Wegen der Digitalisierung: «Bis zu 100 000 KV-Jobs gefährdet», titelte der «Tages-­Anzeiger» im vergangenen Jahr.

Ist der kaufmännische Angestellte in Zeiten der digitalen Automatisierung und Robotisierung eine bedrohte Berufs­gattung, gar vom Aussterben bedroht? Ähnlich wie möglicherweise der Tramchauffeur oder Lokomotivführer, der selbstfahrenden Vehikeln zum Opfer fallen könnte, oder der Pöstler, der vielleicht bald einmal Pakete verteilenden Drohnen wird Platz machen müssen? Unbestritten ist: Zahlreiche Arbeiten im Büro, wo kaufmännische Angestellte im Einsatz sind, lassen sich dank Digitali­sierung maschinell erledigen. Sekretariats­arbeiten etwa oder im Finanzbereich, wo Finanz­roboter standardisierte Finanzberatungen übernehmen können. Angesichts solcher Entwicklungen gab der Kaufmännische Verband Schweiz bei der Hochschule für Wirtschaft in Zürich (HWZ) die Studie «Digitalisierung und die Zukunft kaufmännischer Berufsbilder» in Auftrag. Darin heisst es: «Die Digitalisierung wird im kommenden Jahrzehnt über die Automatisierung von Arbeitsabläufen hinausgehen. Dies aufgrund der Entwicklung im Bereich der humanoiden Robotisierung. Einerseits werden Maschinen immer menschlicher, andererseits integrieren Menschen Maschinen auch immer mehr in ihr alltägliches Sein und Arbeiten.»

Bürokräfte ohne höhere Ausbildung geraten am stärksten unter Druck: 31 000 dieser Jobs gibt es zurzeit in der Schweiz. 97 Prozent fallen laut Unternehmensberater Deloitte der Digi­­ta­lisierung zum Opfer. Auch in der Land- und Forstwirtschaft fallen 71 Prozent der Jobs weg. Gleichzeitig entstehen dank der Digitalisierung bis ins Jahr 2025 bis zu 270 000 neue Stellen – vor allem in hochqualifizierten Berufen. Dort verhelfen die neuen Techno­logien zu mehr Effizienz. Laufende Weiterbildung wird in unserem Berufsleben immer wichtiger.