New Kids on the Blockchain

Von Marc Badertscher

Bitcoin, Blockchain & Co: Zug mausert sich mit seinem «Crypto Valley» zu einem Hotspot in der Welt der neuen digitalen Währungen.

Lange Zeit hat vor allem hierzulande kaum jemand bemerkt, wie sich die Region um Zug neu und digital zu positionieren begann: als sogenanntes «Crypto Valley». Es war ein Aufbruch. Kern der Botschaft war, dass die Region offen ist für alles Neue, was irgendwie mit den neuen digitalen Crypto-Währungen wie Bitcoin und Ether und der zugrundeliegenden Blockchain-Technologie zu tun hat.

Inzwischen ist das «Crypto Valley» ein internationaler Brand geworden. Alle wichtigeren News-Portale zu Bitcoin und Blockchain berichten weltweit regelmässig darüber, was rund um den Zugersee und bis in die Region um Zürich geschieht. Und sie tun dies aus gutem Grund. Dutzende von Firmen und Projekten aus der neuen Blockchain-Welt haben sich in und um Zug niedergelassen (siehe Grafik). Der Hauptgrund, weshalb sie begonnen haben, nach Zug zu kommen, sind die Finanzen.

Denn anders als tradi­tionelle Start-ups finanzieren sich diese Projekte über sogenannte Initial Coin Offerings (ICO). Das ist eine neue Art von Börsengang, bei der die Investoren im Gegenzug für ihr Engagement neue digitale Währungen erhalten. Und einer der entscheidenden Unterschiede besteht darin, dass diese neuen Projekte viel früher zu sehr viel Geld kommen als über klassische Risiko-Investoren und einem späteren Börsengang.

Alleine 2017 erhielten diese Projekte zusammen über zwei Milliarden Franken. Dieses Geld muss irgendwo verwaltet werden, um die Entwicklung der Blockchain-Projekte längerfristig zu gewährleisten. Die Schweiz mit ihrem Stiftungsrecht und der allge­meinen Rechtssicherheit eignet sich dafür bestens. Vor allem die Behörden in Zug haben den Trend früh erfasst und sind den ersten Projekten mit Rat zur Seite gestanden. Heute besuchen Bundesräte das «Crypto Valley» und fragen, wie man helfen könne.

Zum grossen Durchbruch kam es 2014, als sich die Macher der Ethereum-Blockchain für Zug entschieden und dort eine Stiftung gründeten, welche die Entwicklung der zweitgrössten Blockchain vorantreibt und die Gelder verwaltet. Das hatte Signalwirkung. Von da an liessen sich nach und nach neue Projekte in der Region nieder, inzwischen monatlich, fast wöchentlich.

Die einen entwickeln eine neue Messenger- App, die andern eine Plattform für das Management der neuen digitalen Assets, die dritten eine Vermarktungsplattform für Filme und andere Medienprodukte, die vierten wollen den Handel mit Energie vereinfachen. Immer geht es darum, die neuen Möglichkeiten der Blockchain-Technologie zu nutzen. Meistens heisst das, Produzent und Konsument einander näherzubringen und zu versuchen, durch die Technologie obsolet werdende Mittelmänner auszuschalten: seien dies Banken, Medienvermark­tungs­orga­­ni­sationen, Energiedienstleister oder Social-Media-Konzerne wie Facebook.

Einige Teams konzentrieren sich auch auf den Aufbau der nötigen Infrastruktur dieser neuen Peer-to-peer-Wirtschaft und entwickeln Protokolle für die Entschädigung von Dienstleistung und Lösungen für das Management von Online-Identitäten. Doch: Noch ist alles in der Experimentierphase. Und einige dieser Projekte dürften letztlich nicht zum Fliegen kommen. Dennoch hat sich in und um Zug ein beachtliches Ökosystem gebildet. Inzwischen finden regelmässig internationale Branchenkonferenzen statt. Und neue Verbände treten auf den Plan. Zu nennen ist etwa die «Crypto Valley Association», aber auch der Verband für das Management von digitalen Assets, MAMA.

Person A möchte Person B Geld überweisen
Die Transaktion erscheint als Datenblock im Netz
Der Datenblock ist für alle Blockchain-Teilnehmer einsehbar
Die Teilnehmer prüfen die Richtigkeit des Blocks
Der Datenblock wird der Blockchain zugefügt
Das Geld von A wird an Person B überwiesen

Auch die Anwaltsbranche hat sich spe­zialisiert. Besonders hervorzuheben ist dabei die Kanzlei MME, die ihre Kapazitäten massiv ausgebaut hat und zahlreiche Projekte bei ihren ICO betreut, damit diese gesetzeskonform stattfinden. Zug ist auch Sitz von Bitcoin Suisse. Die noch junge Firma beschäftigt bereits über 20 Leute und ist im Brokerage von Kryptowährungen tätig. Das Umsatzvolumen beträgt mo­natlich Hunderte von Millionen Franken. Viele der grossen ICO liefen teilweise über Bitcoin Suisse.

Trotz aller Euphorie wird sich das «Crypto Valley» erst noch beweisen müssen. Die Konkurrenz schläft nicht. Singapur unternimmt etwa grosse Anstrengungen, ebenfalls zu einem Hub zu werden. Zudem ist die Zahl von neu geschaffenen Arbeitsplätzen in Zug nicht gigantisch. Noch immer steht die Verwaltung der Gelder, manchmal auch die Leitung der neuen Start-ups, im Vordergrund. Die eigentliche Entwicklung der Apps der neuen Software geschieht meist irgendwo auf der Welt. Berlin ist etwa ein Hotspot, und natürlich auch der Namensgeber des Zuger Branding-Erfolgs: das Silicon Valley.