Je früher, desto besser: Grundverständnisse der digitalen Welt werden in Zumikon ZH bereits Primarschülern vermittelt. (Siggi Bucher)
Von Petar Marjanovic

Während man vielerorts noch mitten in der Umsetzung des Lehrplans 21 steckt, sind Primarschüler in Zumikon ZH bereits in der digitalen Zukunft angekommen.

Sie werden Digital Natives, in der digitalen Welt Geborene, genannt. Eine Be­zeichnung, die diese Primarschüler wenig interessiert. Das Digitale ist für sie normal. Moderne Technik? Alltag. Seit sie denken können. «Ich darf immer mit dem Handy spielen», sagt Matthias (12), als er mit seinen Kollegen über die Digitalisierung spricht.

Im Schulhaus der Primarschule in Zumikon ZH geht es jedoch keineswegs um Handy-Games. Es ist Unterricht, bei dem es etwas zu lernen gibt, auch wenn die Lektion den Titel «Tüfteln und Erfinden» trägt. «Wir basteln hier einen Bürstenroboter», erklärt Sechstklässlerin Liselotte (12). Ihre Aufgabe sei es, mit Kleben, Basteln und eben Tüfteln einen Roboter zu bauen, der auf einem Spielfeld viele Punkte sammelt. Und: «Er muss auch schön aussehen!», betont sie.

Was nach Spass aussehe, sei es auch, sagt Lehrerin Bettina Waldvogel (49). Dafür müssten die jungen Tüftler zuvor jedoch ­einiges leisten: «Die Schülerinnen und Schüler lernen etwa, was ein QR-Code ist, oder wie man einen 3D-Scanner bedient.» Mit dem Bürstenroboter gehe es nun um Kompetenzen wie Feinmotorik und Kreativität, welche es in der digitalen Welt eben auch brauche.

Mit Bettina Waldvogel profitieren die Schüler von einer Expertin. Sie beschäftigt sich als Dozentin und Forscherin mit der Medien- und Informatikausbildung. Ihr Schulleiter Philipp Apafi (57) schätzt das: «Die Digitalisierung ist eine Herausforderung für die Schulen. Frau Waldvogel ist für uns ein grosser Glücksfall!»

Wie komplex diese neuen Unterrichts­themen sein können, zeigt der Unterricht im Schulgebäude nebenan. Dort lernen die Viert- bis Sechstklässler die schwere Kost der Algorithmik – bei der selbst manch ETH-Infor­matikstudent ins Schwitzen kommt. Ihre Aufgabe ist es, mit der Programmiersprache XLogo geometrische Formen zu zeichnen.

Teenager wie Anna (11) und Felicia (11) hacken den kryptischen Code ohne jegliche Mühe in die Tastatur. «Wir dürfen die Flagge von Frankreich zeichnen», sagt Felicia. Das gehe einfach mit Befehlen wie setpc 12, pu oder rt 90. Alles Abkürzungen aus dem Englischen, die einer symbolischen Schildkröte auf dem Bildschirm sagen, was sie zu tun hat.

Hier sieht man das Potenzial der digitalen Wirtschaft: «Jeder Schüler findet einen eigenen Ansatz für die Programmieraufgaben», erklärt Lehrerin Livia Gmür. Schüler, die normalerweise mit Rechnen Mühe hätten, würden bei solchen Aufgaben oftmals neu aufleben und mit Kreativität Programmieraufgaben lösen. Während sie das sagt, ruft Matthias (10) aus dem hinteren Teil des Schulzimmers: «Welchen Code hat die Farbe Grün?» Die Antwort kommt direkt: «Willst du Italien malen? Dunkelgrün hat die Ziffer 11!», antwortet Emir (12). Lehrerin Gmür lacht: «Das hätte ich jetzt nachschauen müssen!» Die digitalen Ureinwohner nicht.


Lehrplan 21 setzt auf Informatik

Mit dem Lehrplan 21 harmonisieren 21 deutsch- und mehrsprachige Kantone ihren Lehrplan. Künftig haben Schüler ­einer Schulstufe kantonsübergreifend das gleiche Bildungsniveau – vom Kindergarten bis in die neunte Klasse. Neu am Lehrplan ist, dass der Bildungsauftrag an die Schulen durch zu erlernende Kompetenzen der Schüler beschrieben wird. Das Modul Medien und Informatik erhält mehr Gewicht. Wann und von wem, legen die Kantone fest. Das Modul ermöglicht fächerübergreifenden Unterricht. Schüler lösen mit Computern, Tablets und Smartphones Matheaufgaben, schreiben Aufsätze und programmieren. Gleichzeitig lernen sie die Grundkonzepte der Informatik, wie die automatisierte Verarbeitung, Speicherung und Übermittlung von Informationen. Dabei ist nicht nur die Vermittlung von Wissen und Methoden, sondern ebenso das selbständige Entdecken von Lösungsansätzen wichtig. Im kommenden Schuljahr werden neun Kantone den Lehrplan 21 einführen.