«Die Patienten haben den Anspruch, mit der moderns­­ten Technik operiert zu werden». Chef­arzt Michael Müntener. (Jürg Waldmaier)

Der Arzt, dem die Männer vertrauen

Von Gabi Schwegler

Im Zürcher Stadtspital Triemli gehört ein digitaler Gehilfe zum festen Inventar im OP. Das Gelingen eines Eingriffs hängt aber noch immer vom Chirurgen ab, sagt Chefarzt Michael Müntener.

Es ist eine Art Marionettenspiel 2.0: Mit den Händen steuert Michael Müntener, Chefarzt der Klinik für Urologie am Stadtspital Triemli, die Operationsinstrumente im Körperinnern des Patienten, mit den Füssen reguliert er Kamera und Licht. Operiert er, sitzt er an einer Konsole, blickt in die zwei Kameralinsen. Zwei Meter von ihm entfernt liegt der Patient auf dem Operationstisch, darüber die vier krakenhaften Arme des «Da Vinci»-Roboters, welche die Bewegungen von Müntener in zehn Mal kleinere Dimensionen übersetzen. Was kompliziert klingt, «ist nicht schwieriger als Autofahren», sagt Chefarzt Müntener. «Die Steuerung der Instrumente ist so einfach gestaltet, damit sich der Chirurg komplett auf die eigent­liche Operation konzentrieren kann.»

Im Stadtspital unterhalb des Uetlibergs werden urologische Schlüssellochoperationen fast ausschliesslich roboterunterstützt durchgeführt. Das sind minimalinvasive Eingriffe, bei denen die Operationsinstrumente und eine Kamera durch wenige kleine Löcher in der Bauchdecke eingeführt werden. Besonders geeignet ist diese Art von Operation bei Entfernungen von Tumoren an Prostata, Nieren oder Blasen. «Da Vinci» arbeitet allerdings nicht autonom, sondern wird von einem Chirurgen gesteuert. «Dieser bleibt mit seinem Wissen und seiner Erfahrung der entscheidendste Faktor für das Gelingen eines Eingriffs», so Müntener.

Der Zürcher Michael Müntener (47) ist seit fünf Jahren Chefarzt der Klinik für Urologie des Stadtspitals Triemli. Er studierte an der Universität Zürich Medizin, arbeitete anschliessend im Spital Limmattal, forschte in Baltimore (USA) und war dann fünf Jahre in der Urologie des Universitätsspitals Zürich tätig. Die roboterassistierte Chirurgie gehört zu seinen Schwerpunkten.

«Da Vinci» ist also genau genommen kein Roboter, sondern ein hochentwickeltes chirurgisches Instrument. Doch weil die korrekte Bezeichnung «Telemanipulator» zu kompliziert ist, bleibt «Da Vinci» im Volksmund ein Roboter. «Allein dieses Wort hat grossen Einfluss auf Wahrnehmung durch die Patienten», sagt Müntener in seinem Eckbüro, unter ihm die Stadt im Herbst­regen. «Roboter gelten als etwas Neues, und Neues gilt als besser. Das ist in vielen Köpfen tief verankert.» Die Zahl der Prostatakrebs-Operationen sank im Triemli, solange kein «Da Vinci» im OP stand. «Ohne diese Maschine kann man in der Schweiz keine operative Urologie mehr betreiben», sagt Michael Müntener. «Die Patienten haben den Anspruch, mit der modernsten Technik operiert zu werden.»

Eine Studie des renommierten Fachmagazins «Lancet» stellte 2016 den Nutzen von «Da Vinci» aber in Frage: Es resultierte kein Unterschied zwischen offen operierten Patienten und solchen, die mit «Da Vinci» operiert wurden – sowohl in Bezug auf die Krebs­heilung als auch bezüglich Erhalt der Kontinenz. Von «Rückschlag für Roboter im Operationssaal» war in der Folge zu lesen. Dabei seien wichtige Ergebnisse aus der gleichen Studie unterschlagen worden, sagt Müntener: Bei den robotergestützten Operationen war der Blutverlust drei Mal geringer, die Patienten hatten nach dem Eingriff deutlich weniger Schmerzen und waren nur halb so lange im Spital.

Trotzdem glaubt der Urologe nicht, dass Roboter den Chirurgen einst komplett ersetzen. «Das Ziel sollte sein, aus beiden Welten das Beste zu nehmen: das Wissen und die Erfahrung des Menschen und die Präzision und Rechenleistung der Maschine.»

Chip im Körper, Herz aus dem 3D-Drucker

Es sind zwei Adjektive, wonach die Forschung lechzt: lang und gesund. So gründete Google 2013 etwa das Biotechnologieunternehmen Calico, das gemäss Website «den Alterungsprozess, eines der grössten Mysterien des Lebens, entschlüsseln will». Calico will Methoden entwickeln, die helfen, die Biologie zu verstehen, und ermöglichen, dass Menschen länger und gesünder leben. Ein Wunsch, welcher der Internetgigant mit anderen Unternehmen und Wissenschaftlern teilt. So sieht die Gesundheitsvorsorge der Zukunft aus – vier Beispiele:

Fitnessarmbänder und smarte Uhren – sogenannte Wearables – gehören bereits heute zur Standardausrüstung vieler. Wir vermessen uns selber, um dem vitalen Wunsch-Ich immer näher zu kommen. In den USA wurden bereits elektronische Pflaster getestet, welche die Körperfunk­tionen messen und die Daten kabellos übertragen. Den Forschern gelang es, mit diesem intelligenten Pflaster Werte wie
die Hauttemperatur, die Herzfrequenz und den Sauerstoffgehalt im Blut zu ermitteln. Die Weiterentwicklung davon sind medizi­nische Mikrochips, die unter die Haut implantiert werden und Körperfunktionen und Aktivitäten aufzeichnen.

Leben Menschen gesünder, sinken die Gesundheitskosten. Es erstaunt deshalb nicht, dass Krankenversicherungen in der Gesundheitsförderung vorne mit dabei sind. Die Versicherung CSS belohnt zum Beispiel jene Versicherten, die pro Tag mindestens 10 000 Schritte gehen, mit 40 Rappen pro Tag. So lassen sich in einem Monat 12.40 Franken an Prämien sparen. Oder Nutzer der Helsana-App können Pluspunkte sammeln, indem sie etwa regelmässig schwimmen, Ernährungskurse besuchen oder sich im Sportverein engagieren. Die gesammelten Punkte können sie gegen Bargeld (bis zu 300 Franken pro Jahr) tauschen oder von Rabatten bei Partnerangeboten profitieren.

Es war ein aufsehenerregendes Joint Venture: Google und Alcon, eine Tochtergesellschaft von Novartis, begannen 2014 an intelligenten Kontaktlinsen zu forschen. Novartis-CEO Joe Jimenez sagte damals, er hoffe, dass die Linsen in fünf Jahren auf dem Markt seien. Geforscht wird an autofokussierenden Linsen für Menschen mit Alters- oder Weitsichtigkeit und an Linsen, die bei Diabe­tikern in der Tränenflüssigkeit den Blut­zuckerspiegel messen. Die Werte sollen dann kabellos an ein mobiles Gerät übermittelt werden. Ende letzten Jahres gaben die beiden Unternehmen bekannt, dass sich die Tests an Menschen aufgrund der komplexen Technologie verzögern würden. Es wird aber weiterhin an der «smart lens», die einen wichtigen Meilenstein in der Augenheilkunde markieren würde, gearbeitet.

Sie ermöglichen die Erstellung von Implantaten wie Hüftprothesen. Mit fortschreitender Entwicklung des 3D-Druckers gewinnt das Drucken von Organen und Stamm­zellen an Bedeutung – was den Mangel an Spenderorganen lösen würde. Funktionsfähige Leberzellen wurden schon gedruckt, einem Patienten in Wales wurde ein Kiefer aus dem 3D-Drucker implantiert. Bis ganze gedruckte Organe, die auf eine Versorgung mit Blutgefässen und Nerven angewiesen sind, implantiert werden können, ist es aber noch ein weiter Weg. Optimisten gehen von etwa zehn Jahren aus.