Fintech sorgt für Goldgräberstimmung

Von Michael Heim

Einst waren sie nur die Helfer. Programmierer und Tüftler, die Banken­software schrieben. Heute ist alles anders.

Sie darbten und fristeten ein Dasein am Rande der Finanzindustrie: Leute wie Christian Vetsch oder Daniel Eckstein von der Zürcher Abrantix kannte niemand, obwohl sie Geräte entwarfen und Standards prägten, mit denen heute noch gearbeitet wird. Damals interessierten sich nur Informatiker für EDV und Bankensysteme. Heute ist alles vollkommen anders.

Seit zwei Jahren ist von Fintech die Rede – Finanz-Technologie. Und wo Investoren früher gar nicht hinhörten, fliesst heute Geld in Start-ups. Es herrscht Goldgräberstimmung wie im Dot-Com-Boom der späten Neunzigerjahre. Und wie damals ist auch in der Fintech-Szene schwer absehbar, was Gold und was Blei ist.

Die von der Swisscom regelmässig publizierte Schweizer Fintech-Karte ist unübersichtlich geworden: 211 Firmen in neun Kategorien, die meisten davon Neugründungen. Alte Hasen wie Abrantix werden als «Incumbents» (etablierte Player) am Rande aufgeführt.

Es tönt banal, aber das Internet hat vieles verändert. Waren  Software-Entwickler früher nur Zulieferer, haben sich die Vorzeichen nun bisweilen ins Gegenteil verkehrt. Nichts zeigt das besser als der einst als langweilig verschriene Zahlungs­verkehr. Während Jahrzehnten hat sich das Geschäft mit Kreditkarten kaum verändert. Von den Banken kontrolliert, war es hoch lukrativ.

Den ersten Fintech-Moment hatte die Branche, als es den Ausdruck gar noch nicht gab: Das Zahlungssystem Paypal, 2002 von Ebay erworben und später an die Börse gebracht, löste erstmals aus, was heute «Disruption» genannt würde. Mit Paypal konnten plötzlich Menschen auf der ganzen Welt Geld überweisen. Und dies gratis und sekundenschnell, mehr als eine E-Mail-Adresse war nicht nötig. Internationale Banküberweisungen kos­teten damals noch viel Geld. Mittlerweile hat Paypal 200 Millionen Kunden, die – dank Handy-App – damit auch in den Läden bezahlen können.

Wohin die Reise gehen kann, zeigt China. Fast eine Milliarde Nutzer verzeichnet «Wechat», das einst nicht mehr war als ein Kommunikationsmittel. Heute nutzen die Chinesen die App, um Geld zu überweisen, Reisen zu buchen oder auch um Tische in Restaurants zu reser­vieren. Gleich mehrere Branchen wurden damit auf den Kopf gestellt.

Davon ist die Schweiz noch weit entfernt. Oder anders gesagt: Das Potenzial für disruptive Entwicklungen ist gross. Gerade in der Banken- und Versicherungsbranche buhlen viele Anbieter um die Gunst der Nutzer. Fast monatlich spriessen neue Robo-Banken aus dem Boden, welche die vollautomatische Vermögensverwaltung anpreisen. Apps wollen das Zahlen, Anlegen und Preisver­gleichen vereinfachen. Und rund um die Bitcoin-Technologie der Blockchain ist im Raum Zug ein regelrechter Entwickler-Hub entstanden. Dabei ist die Spreu oft nur mühsam vom Weizen zu unterscheiden.

Ein schönes Beispiel ist das Peer-to-Peer-Lending – die Kreditvermittlung ohne Banken. Während das Postfinance-Joint-Venture von Lendico bisher kaum Abschlüsse zu verbuchen hat, konnte Loanboox bereits für mehrere Milliarden Franken Darlehen vermitteln. Der Unterschied: Bei Loanboox werben Gemeinden und Kantone um Investoren. Und: Bei Loanboox investieren auch Banken. Der Angreifer wird zum Partner der Industrie.

Inzwischen sind die grossen Anbieter aufgewacht. Grossbanken wie die UBS in­vestieren viel Geld in eigene Fintech-Anwendungen, um Kunden nicht an innovative Start-ups zu verlieren. Versicherer machen sich mit Trockenübungen fit oder greifen die Konkurrenz im Ausland mit Online Ablegern an. Mit «Inkubatoren» und «Acceleratoren» wie dem Zürcher «F10» suchen die grossen Anbieter von gestern den Kontakt zu den Brains von morgen.

Für einen weiteren Schub dürfte nicht zuletzt die Europäische Union sorgen. Mit ihrer Direktive «PSD2» will sie die Banken zwingen, Schnittstellen zu öffnen. Jedes Fintech kann seine Apps und Systeme dann direkt an Bankkonten knüpfen, um Belastungen und Gutschriften auszulösen und Kontostände auszuwerten. Drittanbieter können dann die Schnittstellen zu den Kunden besetzen, die heute noch unter der Kontrolle der Banken sind.

Noch ist offen, ab wann entsprechende Regeln auch für Banken in der Schweiz gelten. Aufgrund der starken Integration in den europäischen Zahlungsverkehr dürften diese sich aber kaum entziehen können. Und so arbeiten hinter den Kulissen alle Banken bereits daran, sich auf die neue Konkurrenz vorzubereiten. Woher auch immer sie kommen mag.