Von Max Fischer

YuMi ist der erste sensible Roboter, der mit Menschen Hand in Hand zusammenarbeitet.

Was wir können, kann YuMi oft noch viel besser. Beispielsweise monotone, langwierige Routinearbeiten. Vor zwei Jahren wurde der zweiarmige Roboter – nach zehn Jahren Entwicklungszeit – vom global führenden Technologiekonzern ABB «geboren». Speziell entwickelt für die Montage von Kleinteilen in der Elektroindustrie, etwa in Uhren, Tablets oder Handys.

YuMi – von «you and me» – arbeitet mit seinen beiden Roboterarmen so genau, dass er sogar einen Faden durch ein Nadelöhr führen kann. YuMi ist die perfekte Ergänzung zum Menschen. Er wird nie müde, ihm ist bei der Arbeit nie langweilig, er ist nie krank, und er macht nie Fehler. Und der Kleine wirkt auch noch sympathisch. Was wir aus Science-Fiction-Filmen kannten, wird jetzt Wirklichkeit: Ohne weitere Schutzmassnahmen kann YuMi am gleichen Arbeitsplatz mit einem menschlichen Kollegen Hand in Hand zusammen an der gleichen Aufgabe arbeiten. Kollaborativer Roboter heisst das in der Fachsprache. Wenn anspruchsvollere Feinmechanik oder körperliche Berührung nötig sind, kann der Mensch die Aufgabe übernehmen. Diese Zusammenarbeit führt –unterstützt durch das Digitalangebot ABB Ability – zu einer Beschleunigung des Arbeitsprozesses, macht die Produkte besser und somit auch die Arbeitsplätze sicherer – und spannender. Für eintönige Arbeiten gibt es schliesslich YuMi. Und Fakt ist, dass Länder mit der heute höchsten Dichte an Industrierobotern wie Deutschland, Japan oder Südkorea die niedrigsten Arbeitslosenzahlen haben.

«Die neue Arbeitswelt verlangt mehr Wissen und vor allem mehr Kreativität, grössere Flexibilität und den Willen zum Wandel», sagt ABB-CEO Ulrich Spiesshofer. Die vierte industrielle Revolution wird traditionelle Arbeitsverhältnisse und Arbeitszeit-modelle auf den Kopf stellen. Dafür müssen wir uns rüsten, nicht nur technisch, ist Spiesshofer überzeugt: «Wir werden in Zukunft drei bis vier Mal im Leben einen völlig neuen Job erhalten. Diese Entwicklung muss in der Bildungspolitik berücksichtigt werden», so der ABB-Chef.

Für den ETH-Robotik-Professor Roland Siegwart ist klar: «Die Automatisierung erhöht den Lebensstandard. Die Tätigkeit in Minen, einige Kilometer unter Tag, ist keine menschenwürdige Arbeit. Diese sollten Roboter übernehmen.» Roboter wie YuMi. Auch wenn dieser durchaus menschenähnliche Züge zu haben scheint. Denn: So wie wir verschiedene Strategien haben, um uns weiterzuentwickeln,  bleibt auch YuMi nicht stehen. Er setzt auf maschinelles Lernen. Wie ein kleines Kind kann man den lernwilligen Roboter an die Hand nehmen und ihm Schritt für Schritt die gewünschten Abläufe zeigen – schon führt er diese fehlerfrei aus.

YuMi dirigierte diesen Herbst im Teatro Verdi in Pisa den Sänger Andrea Bocelli und das Lucca Philharmonic Orchestra. Gekonnt und einfühlsam leitete er den Startenor durch Verdis bekannte «Rigoletto»-Arie «La Donna e Mobile». Um das zu lernen, brauchte YuMi gerade einmal 17 Stunden. Maestro Andrea Colombini, Dirigent des Philharmonie-Orchesters Lucca, bereitete YuMi auf die Veranstaltung vor – und war begeistert von seiner ausgereiften Technologie. «Das Zusammenspiel von Ellbogen, Unterarm und Handgelenk des Roboters verlief reibungslos. Auch die wiederholten und anspruchsvollen Versuche zur Aufteilung von Auftakt und Taktanfang meisterte er dank seiner Flexibilität mit Bravour», sagte er. Die feine Gestik eines Dirigenten wurde vollständig reproduziert – auf einem Niveau, das er zuvor für unmöglich gehalten hatte.

Und nicht nur YuMi ist gemacht für die grosse Bühne. Als Superstar Lady Gaga 2016 an den Grammys in Los Angeles dem kurz zuvor verstorbenen Pop-Chamäleon David Bowie Tribut zollte, tanzte das Piano mit. Auch in diesem steckte ABB-Technik – die Roboter sind quasi YuMis Geschwister. Mensch und Maschine spielen heute Hand in Hand.

Steht YuMi bald hinterm Tresen?

Mit YuMi hat ABB eine neue Generation von Robotern eingeführt, die einige Branchen erstmals über den Einsatz von Robotern nachdenken lässt. An der Expo in Mailand hat YuMi in einem Supermarkt der Zukunft Obst an Besucher verteilt. Es kamen rund 1000 Anfragen von Interessenten. Rund 500 davon aus Indus­trien, die zuvor nicht an den Einsatz von Robotern gedacht hatten, etwa von der Nahrungsmittelindustrie. Vielleicht erleben wir YuMi bald als Gehilfen in der Bäckerei.