Von Caroline Fux

Online-Dating mauserte sich innert weniger Jahre vom Mauerblümchen zum Platzhirsch. Caroline Fux, Psychologin und Blick-Sexberaterin, erklärt den Reiz von Tinder – und was in Sachen Dating auf uns zukommen könnte.

Hier treffen sich die, die sonst niemanden abbekommen – das war lange das Image von Online-Dating. Entsprechend mochte lange kaum jemand zugeben, sein Herzblatt (oder Sexdate) im Netz kennen gelernt zu haben. Heute gibt es kaum mehr Singles, die Online-Dating nicht mindestens ernsthaft in Betracht ziehen und das auch erzählen.

Die Fragen zum Thema Liebe und Internet, die ich in der Sexberatung des Blicks bearbeite, sind zahlreicher geworden. Am meisten Bauchweh macht Männern und Frauen die Unverbindlichkeit, die zum Online-Dating zu gehören scheint. Beflügelnd enge Kontakte werden schnell geknüpft, aber auch rasch wieder gekappt. Und das tut weh.

Caroline Fux (36) ist seit fünf Jahren die Blick-Sexberaterin. Sie hat Psycho­logie studiert und hängt nun einen Master in Sexologie an. (Maurice Haas)

Tinder gilt in Sachen Dating nicht nur als das aktuelle Wunderkind, sondern auch als Paradebeispiel für virtuelle Oberflächlichkeit. Statt auf lange Fragebögen setzt die App auf Bilder und knappe Steckbriefe. Wer einem nicht zusagt, wird nach links weggewischt. Wer gefällt, erhält ein Swipe nach rechts und damit ein Like. Chatten kann man mit der betreffenden Person nur, wenn diese einen auch geliked hat. Ein geniales Prinzip.

Beim einen oder anderen Liierten keimt angesichts der Tinderei ab und zu sogar etwas Neid auf. Wo sonst kann man gefahrlos und bequem wie ein Kaiser mit einem Fingerzeig über das (amouröse) Schicksal von so vielen Personen bestimmen?

Tinder macht aber nicht nur Spass, es ist auch gnadenlos. Ein falsches Hobby, eine generische Pose oder ein doofes T-Shirt reichen für einen Swipe nach links und damit für ein «Und tschüss». Bei allem Erfolg hat Tinder dem salonfähig gewordenen OnlineDating aber auch wieder einen Image­schaden eingebrockt: Zu viel Fleischbeschau, zu wenig Persönlichkeit. Dagegen lässt sich nicht viel einwenden. Aber letztlich macht der Tinder’sche Gefühlscocktail aus Aufregung, Hoffnung, Lust, Macht und Sehnsucht genau das Erfolgsrezept aus. Tinder bietet einen Kick wie kein anderes Portal. Und bei allem Respekt vor inneren Werten: Selbst der schönste «Match», wie der passende Partner auf Tinderisch heisst, mit toller prozentualer Übereinstimmung hinterlässt einen schalen Geschmack, wenn man mit dem Äusseren des Gegenübers nichts anfangen kann.

Es dürfte nicht einfach sein, ein DatingKonzept zu schaffen, dass Tinder in Sachen Reiz Paroli bieten kann. Technikaffine Menschen schwören, dass bald jener Anbieter die Nase vorn hat, der den besten Algorithmus bietet, also die Profile der Datingwilligen am geschicktesten zusammenführt. Ich als Psychologin bleibe diesbezüglich skeptisch. Zwar mag ich datenbasierte Arbeit, ich glaube als Sozialwissenschaftlerin an die Statistik und bin als kritische Nutzerin beeindruckt, wie genau heute elektronische Angebote schon auf den Kunden zugeschnitten werden können. Ich sehe jedoch auch, wie wenig Menschen oft bereit sind, mathematischen Wahrscheinlichkeiten, sprich der Vernunft, zu folgen. Gerade beim Dating. Es geht bei der Partnersuche auch um eine gewisse Romantik. Für die einen besteht sie aus dem Jagen, für die anderen aus dem Erobertwerden, wieder andere folgen einem anderen Code. Hauptsache, es bleibt Platz für Sehnsüchte und Fantasien.

Singles, die mit der Partnersuche nicht zurecht kommen, rate ich, ihren Fokus wieder aufs handfeste und nicht aufs digitale Leben zu legen. Meiner Erfahrung nach sind jene Personen auf dem Datingmarkt besonders erfolgreich, die eine erfüllte Realität jenseits von Smartphone leben. Denn digitales Flirten macht nur dann wirklich Spass, wenn man nach dem Ausloggen nicht in eine Leere fällt. Zudem bin ich überzeugt, dass gerade Digital Natives spüren, wenn jemand virtuell top, aber im echten Leben eher ein Flop ist.

Punkten werden in Zukunft jene Plattformen, die zum Flirten animieren, aber gleichzeitig Unterhaltung bieten. Denn die grosse Liebe kann man nicht einfach programmieren, sie bleibt etwas Unberechenbares.

Jetzt kommen die Sex-Roboter

Die spanische «Smart Doll» Ava ist «sexuell intelligent»: Sie reagiert anders auf intime Berührungen, wenn zuvor die Hand massiert wurde. Kommt der Mann schnell, kommt sie das nächste Mal auch früher. Sie kann stöhnen und einen Höhepunkt simulieren. Es scheint einen Markt dafür zu geben: 52 Prozent der deutschen Männer können sich Sex mit einem Roboter vorstellen – 68 Prozent der Frauen würden das als Betrug empfinden.