Von Fabian Zürcher

Was kann künstliche Intelligenz heute? Was wird sie können? Wir sind neugierig, fürchten uns aber auch.

Wir sind umgeben davon: Siri säuselt aus dem iPhone, der GMail-Account analysiert E-Mails und schlägt Antworten vor, und unsere Autos könnten schon viel mehr, als sie auf der Strasse dürfen. Die Sprach­erkennungssoftware Siri und ihre Microsoft-Schwester Cortana sind noch nicht besonders schlau. Aber sie verbessern sich – mittels maschinellen Lernens. Ein Vergleich: Unser Englisch-Lehrer brachte uns die Grundkenntnisse bei, im Austauschjahr perfektionierten wir diese durch Gespräche. Siri und Cortana überlegen sich noch, was sie in die Koffer packen sollen.

Das Gesicht hinter der Stimme: So stellt sich Microsoft seine Sprachapplikation Cortana vor.

Was künstliche Intelligenz (KI) kann, ist beeindruckend und gleichzeitig sehr praktisch. Aber sie ist den Menschen nicht ganz geheuer. Eine deutsche Studie der digitalen Marketing-Agentur Syzygy aus dem Jahr 2017 zeigt: Bei 52 Prozent der Menschen weckt KI Interesse, bei 16,5 Prozent Hoffnung – bei über 57 Prozent allerdings Skepsis, bei 45,1 Prozent Misstrauen. Es folgen Besorg­-nis (36,9 Prozent), Bedrohung (15,8 Prozent) und sogar Angst (9,1 Prozent).

Die grösste Sorge betreffend KI gilt dem Arbeitsplatz. Dass im Zuge der Digitali­sierung Arbeitsplätze wegfallen, ist Fakt.
Simple Büroarbeiten und ein Grossteil von körperlichen Arbeiten werden in Zukunft von Robotern durchgeführt. Doch es werden auch neue Stellen geschaffen: 270 000 sollen es alleine in der Schweiz bis im Jahr 2025 sein. Überall dort, wo es Kreativität und Sozialkompetenz braucht.

Aber 16,4 Prozent fürchten sich davor, dass KI die Kontrolle übernimmt – wie in den Hollywood-Klassikern «Terminator» (1984) und «Matrix» (1999). Ist diese Angst begründet? Darüber entbrannt ist auch schon ein Streit im Tech-Olymp. Tesla-Chef Elon Musk warnte: «Ich habe Zugang zur modernsten KI. Und ich glaube, die Leute sollten besorgt darüber sein.» Facebook-Gründer Mark Zuckerberg entgegnete: «Wer gegen KI argumentiert, argumentiert gegen sicherere Autos und gegen bessere Diagnosen für Kranke. Ich sehe einfach nicht, wie das jemand guten Gewissens tun kann.»

Wer hat recht? Bereits heute verfügt KI über einen IQ von 47 Punkten (ein Mensch erreicht im Schnitt 100 Punkte). Experten gehen davon aus, dass bis 2050 die Intelligenz der Maschine diejenige des Menschen übertrifft. KI hat dann die sogenannte technologische Singularität erreicht.

Aber laufen deswegen bald Killer-Roboter durch die Strassen? Der Satz, dass wir mehr herstellen, als wir uns vorstellen können, stammt vom Philosophen Günther Anders (1902–1992). Elon Musk fordert klare Regeln. Es müsse definiert werden, mit welchen Datensätzen eine KI gefüttert werden darf. Die Zukunft muss in unseren Händen bleiben – auch wenn wir irgendwann nicht mehr die Schlausten auf dem Planeten sind.

Was tun? Das Paradebeispiel ist das autonome Fahren mit folgender ethischer Frage: «Sie fahren in einem autonomen Auto. Das Auto umrundet eine Kurve und erkennt einen Fussgängerstreifen mit fünf Kindern darauf. Es bremst, doch die Fahrbahn ist unerwartet rutschig, was den Bremsweg deutlich verlängert. Das Auto macht Berechnungen: Wenn es weiter bremst, wird es die Kinder mit Sicherheit töten. Der einzige Weg, die Kinder zu retten, besteht darin, das Auto mit Ihnen an Bord von der Klippe in den sicheren Tod zu lenken.»

Kann man solche Entscheidungen einer Maschine überlassen? Natürlich nicht. Die Frage ist auch falsch: Autonome Autos lernen nicht, zu entscheiden wie ein Mensch. Sie lernen, aus von Menschen getroffenen Entscheidungen Regeln abzuleiten. Auch wenn man Elon Musks Bedenken bezüglich AI teilt: In rund 90 Prozent der Auto-Unfälle ist der Mensch die Ursache. Das spricht dann für Mark Zuckerbergs Sicht der Dinge.