Von Gabi Schwegler

Die Digitalisierung macht vor der Landwirtschaft nicht Halt: Der Zürcher Oberländer Bauer Marc Binder (43) lässt seine 64 Kühe von einem Roboter melken.

Die schwarz-weiss gefleckte Holstein-Kuh drängt ungestüm durchs Gatter, die Nase bald im Kessel mit Maispellets, die Klauen links und rechts der Abflussrinne positioniert. Der Melkroboter erkennt sie sofort: «59 Evelin». Aufgrund ihrer bisherigen Milcherträge erwartet er von Evelin 12,2 Liter Milch an diesem Vormittag.

Evelin ist eine von 64 Milchkühen auf dem Hof von Marc Binder (43) etwas ausserhalb des Zürcher Oberländer Ortes Illnau. Und Binder ist einer jener Schweizer Bauern, bei denen digitale Lösungen selbst­verständlich zum Alltag gehören. So wie der Melk­roboter, der gerade die Zitzen von Evelin reinigt und dann mithilfe einer Kamera die vier Milchschläuche anhängt. Schon lassen sich auf dem Kontrolldisplay die Milchmenge und der Milchfluss pro Zitze ablesen. Evelin käut gemütlich wieder, während hinten «28 Circus» schon ihren Kopf durch die Plastiklamellen streckt. Hochbetrieb am Melk­roboter, der 24 Stunden «arbeitet».

«Das klingt jetzt etwas komisch», sagt Binder, «aber mit dem Roboter kommen wir der Natur des Tieres viel näher.» Statt sich an die fixen Melkzeiten des Bauers halten zu müssen, entscheiden Binders Kühe selber, wann sie sich melken lassen wollen. «Ein Kalb auf der Weide geht auch drei bis vier Mal zur Mutter, um zu trinken.» Und Binder selbst spart dank des Roboters vier Stunden Arbeit.

Die tief stehende Herbstsonne scheint durch den seitig offenen Laufstall, in der Halle ist ein Piepen zu hören: Das ist der Futterschieberoboter, der zu programmier­-ten Zeiten das Heu-Gras-Gemisch näher an die Futterrinne der Kühe heranschiebt. Diesen Gehilfen hat sich Binder erst letzten Frühling angeschafft – nachdem er ausgerechnet hatte, zu welchem Stundenlohn er selber täglich die 2,5 Tonnen Heu schaufelte. Vier Stunden Arbeit à je 7.50 Franken. «Nebst dem, dass es eine körperlich sehr belastende Arbeit ist, ging diese Rechnung überhaupt nicht mehr auf», sagt Binder. Deshalb hat er sich für die Investition von 18 000 Franken für den Roboter entschieden. Ein weiterer Vorteil sei, dass die Kühe den ganzen Tag über Zugang zu Futter hätten, «vor allem auch die rang­niederen Tiere, die bei punktuellen Fütterungen meist zu kurz kommen».

Ältere Bauern oder Städter würden immer wieder einen Spruch reissen, fragten, ob er nicht mehr arbeiten möge und auf der faulen Haut liege. «Es ist natürlich überhaupt nicht so, dass ich wegen der Roboter nichts mehr zu tun habe», sagt Binder. «Aber ich nutze die gewonnenen Stunden für die Tierpflege und Unterhaltsarbeiten und kann Feld- und Stallarbeit zeitlich viel flexibler einteilen.»

Von seiner Kontrollzentrale aus, einem Büro mit Festbank und Fliegenfallen, überwacht er seine Herde. Er scrollt durch Tabellen mit gelb, grün und rot markierten Kühen. «Mit einem Mausklick weiss ich, welche Kuh zum Beispiel bald besamt werden soll oder welche schon lange nicht mehr am Melkroboter war», sagt Binder. Zudem helfen ihm die direkt aus der Milch entnommenen Laborwerte, allfällige Krankheiten früh zu erkennen. Und für ihn, der den Hof in einer Gemeinschaft mit einem anderen Bauern führt, gibt es noch «ein grosses Plus», wie er sagt. «Diese digitalen Lösungen erleichtern das Standardisieren von Arbeitsabläufen und damit eine solche Zusammenarbeit.»

Vor Binder liegt der Stier-Katalog, den er stets sorgfältig studiert. Selbstdabei denkt er an den Melkroboter: Er besamt seine Milchkühe mit Sperma von Stieren, deren Stammbaum weit auseinanderliegende Zitzen verspricht. Sind sie zu nahe beisammen, hat der Robotergreifarm Mühe, die Schläuche zu platzieren. Nebenan geht langsam das Metalltor auf, Evelin trottet zurück in den Laufstall. Das Display zeigt 12,1 Liter Milch an.