«Dank Sophia werden alle klüger»: CEO Jurgi Camblong (39). (Kristian Skeie)

Smarter als Tesla

Von Lausanne aus revolutioniert Sophia Genetics das Gesundheitswesen. Die künstliche Intelligenz vernetzt Spitäler auf der ganzen Welt und ermöglicht so effizientere Diagnosen.

Die Tür zur Revolution der Gesundheitsvorsorge steht weit offen: Was Anfang des 20. Jahrhunderts die Antibiotika waren, ist heute die DNA Sequenzierung – also die Zerlegung des menschlichen Genoms. Mit dieser Methode lassen sich Erbkrankheiten untersuchen und Veränderungen in den Genen nachvollziehen. «Die wichtigste Entwicklung seit über 100 Jahren», sagt Jurgi Camblong (39), der 2011 zusammen mit zwei anderen Forschern in Lausanne das Start-up Sophia Genetics gründete.

Vor zehn Jahren kostete eine DNA-Sequenzierung noch 100 000 Franken, heute lässt sich das für weniger als 1000 Franken machen. Die immer effizientere Nutzung dieser Technologie führt vor allem zu einem: mehr Daten. Und genau da betritt Sophia Genetics das Spielfeld. «Die Entschlüsselung des Genoms war der erste Schritt. Nun geht es darum, die gewonnenen Datenberge zu verarbeiten und vernetzen», sagt der Molekularbiologe Camblong. Es sind Schlagwörter wie die Demokratisierung der Medizin oder die Schaffung von kollektivem Wissen, welche die mittlerweile 140 Mitarbeitenden antreiben. «Alle sollen Zugang haben zu diesem System, sodass Daten aus Mexiko einem Patienten in Nigeria helfen können.»

Die künstliche Intelligenz Sophia – das griechische Wort für «Weisheit» – ist eine Analyseplattform, die bereits von 360 Spitälern in 55 Ländern mit anonymisierten Patientendaten gespeist wird. Noch wird Sophia hauptsächlich in der Onkologie angewendet, weil mit der DNA Sequenzierung tumorbedingte Mutationen im Erbgut am effizientesten entdeckt und attackiert werden können. Die DNA wird nach der Entnahme mit einem standardisierten Verfahren auf Veränderungen hin untersucht, und diese genomischen Profile werden in Sophia erfasst – bis dato sind es 140 000 Patientenprofile. Mit dem Abgleich in der Datenbank können Diagnosen schneller und präziser gestellt werden. «Dieses Netzwerk ist die erste Säule», sagt Jurgi Camblong, der aus dem französischen Baskenland kommt und in Lausanne, Genf und Oxford studierte. «In einem nächsten Schritt wollen wir wissen, welche Behandlung die Patienten erhalten und wie erfolgreich diese ist.»

In der «Technology Review 2017» des renommierten Massachusetts Institute Of Technology wurde Sophia Genetics als «Evangelist von datengetriebener Medizin» beschrieben und auf Platz 30 der «50 Smartest Companies» gewählt – sogar noch vor Tesla. «Es zählt nicht der Umsatz, sondern die Art und Weise, wie wir wachsen. Dank Sophia werden alle klüger», sagt Camblong.

Obwohl Sophia Genetics seinen Hauptsitz in Lausanne hat, kommen nur drei der 60 Millionen des Gesamtbudgets von hiesigen Investoren. «Das ist in der Schweiz keine Frage des Geldes, sondern der Mentalität», sagt CEO Camblong. Da gebe es noch einiges aufzuholen. «Denn private und öffentliche Investoren können nur gewinnen: Zum einen sind Start-up-Technologien anfangs noch günstig zu haben, und es tut jedem Unternehmen gut, die eigene Praxis mit frischen Start-up-Ideen zu hinterfragen.»